Dark Light
Shahrokh Dini feiert seit Jahrzehnten weltweit DJ-Erfolge. Im Interview erzählt er, was er liebt und hasst und davon, wie er sich mit 47 immer noch motiviert.

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Shahrokh Dini ist eine kleine Karlsruher Legende (ka-news.de). Tatsächlich ist er ein äußerst angenehmer, absolut bodenständiger Typ, der weltweit als DJ Erfolge feiert. Er erzählt von seinen Aversionen gegen die alte Liebe Apple und Computer-DJs, seine Liebe zum Vinyl und davon, wie er sich mit 47 immer noch motiviert.

Shahrokh, KA-News hat dich vor 10 Jahren als „kleine Karlsruher Legende“ bezeichnet. Jetzt bist du logischerweise 10 Jahre älter – dann müsstest du jetzt 48 sein.
(lacht) Noch nicht, aber bald.

Wie motivierst du dich noch, macht dir das Auflegen immer noch so Spaß?
Sogar noch mehr Spaß, weil ich mir mittlerweile aussuchen kann, wo ich auflege. Früher ging das finanziell nicht, wenn du als DJ lebst und das hauptberuflich machst, musst du auch viele große Gigs spielen , kommerziellere Sachen , wo du manchmal nicht so dahinter stehst. Aber das gehört dazu.

Mittlerweile stehst du finanziell auch so gut da, dass du gut leben kannst?
Ja, es reicht auf jeden Fall. Naja, es ist nie genug (lacht).

Das Blöde ist ja, dass der Lebenstil schneller wächst als das Einkommen…
Ich habe ja zwei Kinder, die auch alles haben wollen. Sie wollen ein iPad und was weiß ich für „iMüll“. Aber mittlerweile geht das ja in der Schule nicht mehr ohne, dann ist man wohl nicht cool genug. Ich kann das System nicht alleine ändern, nur darüber schimpfen und meine Meinung äußern, vielleicht bringt es ja irgendwann etwas.

Ich komme ja eigentlich eher aus der Rockschiene, ehrlich gesagt hatte ich dich vor dem Interview gar nicht gekannt. Du machst ja House-Musik?
(lacht) Ja, aber ich komme schon auch ein Stück weit aus dem Indie-Bereich. Jetzt gerade machen wir eine neue Platte, die auch so ein bisschen „back to the roots“ geht. Das ist auch mein Ziel, darauf hinzuarbeiten. Außer den Deephouse, den brauche ich einfach, diese tiefsinnigen Elemente, denen bleibe ich immer treu. Ich kann diesen alten DJ-Spruch schon teilen „ohne Musik wäre das Leben sehr still“, ohne Deephouse wäre es für mich sehr sehr still. Dazu kann ich auch immer noch richtig tanzen.

Du kommst ja ursprünglich aus dem Iran. Wie war es für dich als du nach Deutschland kamst. Wie kamst du zum Deephouse?
Als ich 1985 hier gelandet bin, hat mich diese stille, traurige, depressive Phase, die ich von der Revolution mitgebracht hatte, einfach fasziniert. Außerdem ist die persische Kultur auch sehr tiefsinnig, hat eine große Schwäche für Melancholie. Jeder philosophiert und diskutiert bei uns gern. Deswegen konnten die Piloten vom 11. September auch keine Iraner sein, die hätten zu lange diskutiert und wären vorbeigeflogen. (lacht)

Wie ist denn dein Verhältnis zur Heimat, bist du noch regelmäßig dort?
Ich war seit jetzt 28 Jahren tatsächlich nicht mehr dort. Ich habe mir geschworen, dass, solange die Meinungsfreiheit dort nicht gewährleistet ist, ich keinen Fuß mehr dort hin setze. Die Führer dort sind für mich Wölfe im Schafspelz. Die momentane Situation dort unten macht mir auch ein bisschen Sorgen. Die Waffenindustrie macht einfach nach wie vor Geschäfte mit Menschenleben. Am Ende kämpfen die Parteien dort mit den gleichen Waffen gegeneinander. Das ist doch pervers. Der Gewinner ist immer die Waffenlobby.

Du fühlst dich in Deutschland aber auch wohl?
Ja, ich hatte 1985 die Wahl zwischen den USA, wo viele Verwandte von mir leben und Deutschland, und habe mich gegen Geld und Oberflächlichkeit und für Kultur und das Land der Denker entschieden. Seit Jahren habe ich ja auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Dann wäre die Integrationsdebatte mit dir beendet…
(lacht laut) … ja, genau.

Wieder zurück zur Musik: Wenn du dann auflegst, mischst du dann live, oder stellst du vorher ein Programm zusammen?
Ich mache das immer nach Gefühl. Manchmal bereite ich was vor, aber das passt dann oft doch nicht. Ich mische auch gern mit 3 Plattenspielern, aber das geht leider in den wenigsten Läden. Viele Leute legen ja mittlerweile mit dem Computer auf, das ist für mich kein Spielen mehr. Und manche kriegen es ja nicht mal damit hin. Da fehlt heutzutage die gute DJ-Schule, damit man einfach weiß, was man mischen kann und was nicht etc.

Wie hast du das dann gelernt?
Ich hatte in den Neunzigern viele Vorbilder und es ist im Endeffekt einfach nur Learning by doing, aber man braucht Geduld, muss viel üben. Ich sehe den Plattenspieler als Musikinstrument. Und ob du jetzt Gitarre oder Klavier spielst, oder eben DJ werden möchtest, ohne Übung geht es nicht.

Wenn jetzt ein 20-Jähriger zu dir kommt und sagt „Ich möchte DJ werden“, was rätst du ihm?
Ich würde ihm raten, einen Workshop bei guten Leuten zu machen. Früher gab es hier in Karlsruhe eine DJ-Schule, da möchte ich mich auch ans Kulturamt wenden, da sollte wirklich wieder etwas in die Richtung kommen. Ich vermisse das hier wirklich, das war eine Bereicherung. Das Zweite wäre Finger weg von Drogen.

Du bist auch im Ausland unterwegs und wirst viel gebucht. Hast du dich schon mal berühmt gefühlt?
Es ist immer ein tolles Gefühl, wenn du mit Bodyguards z.b. in Südafrika zu Location gebracht wirst weil es dort gefährlich ist, oder in eine Miami Downtown, in Clubs, die man normal nie finden würde, wo dich die Leute plötzlich wie einen Star behandeln, weil die deine Produktion gut finden. In der persischen Kultur sagt man „Ein Baum, der immer mehr Früchte trägst, hängt schneller nach unten“, deswegen möchte ich bescheiden bleiben. Das ist mein Ziel, ich hoffe, dass mir das auch gelingt.

Bei der Recherche meinte jemand zu mir „der Shahrokh ist eine ziemliche Diva, da musst du aufpassen“ – ich habe jetzt überhaupt nicht den Eindruck, dass du kompliziert bist
Geschwätzt wird leider viel in dieser Branche. Teilweise hat das einfach mit Neid zu tun. Es gibt Leute, die ich unterstützt habe und dann treffe ich sie fünf Jahre später auf einer Ausstellung in Düsseldorf und bekomme mit, wie sie hinterfotzig über dich reden. Nur, weil ich ehrlich bin und auch einmal sage „du bist kein guter DJ“ und derjenige eben nicht mehr bei mir im Club auflegen darf, passiert so was. Aber eigentlich müsste doch dann der andere eben an sich arbeiten. Besser als wenn ich ihn an der langen Leine halte und unehrlich bin… Früher war es wirklich so, dass ich mit meiner Familie nicht durch die Innenstadt laufen konnte ohne von 20 Leuten angesprochen zu werden, irgendwann wird es einem auch zu viel. Ich versuche höflich zu bleiben, aber manche Leute fühlen sich abgewiesen und verstehen gar nicht, wie das für mich ist.

Ist das heute auch immer noch so, dass du angesprochen wirst?
Ja, immer wieder. Auch die neue Generation, die 17-, 18-, Jährigen, die kommen manchmal und sagen: Mein Papa ist „der so und so“ und wollen sogar ab und zu Autogramme. (lacht) Aber da denke ich dann schon „Mensch, du wirst alt“. Aber wenn man sich gesund ernährt und Sport macht, dann kann man das schon noch eine ganze Weile machen.

Du hast ja noch die Mood Lounge, wo wir hier gerade zusammensitzen. Werden hier auch noch Partys gefeiert?
Ach, es ist mitunter schwierig, die Karlsruher im Winter hier raus zu bekommen, aber ich habe schon den ein oder anderen Gast hier gehabt, Mousse T. zum Beispiel, oder Markus Kavka – Freunde von mir. Früher waren wir mit dem Club direkt neben dem Krokokeller, wir haben damals sogar zwei Preise bekommen, für die Gestaltung und das Musikprogramm. Ende 2009 habe ich leider schließen müssen, seit 2011 habe ich das Restaurant hier, einen Club wollte ich nicht mehr. Ich wollte einfach weniger Druck haben, und auch ein bisschen was für Erwachsene machen. So habe ich auf jeden Fall mal eine sichere Einnahmequelle und kann nebenher Gigs spielen, dort, wo ich möchte. Es gibt aber auch Sachen, die ich nicht mehr mache. Zum Beispiel Gigs in Läden, in denen es nicht mehr um die Musik geht sondern nur noch um Drogen und Sex und das drei Tage hintereinander…

Jetzt mal wieder Themawechsel: Was magst du an Karlsruhe?
(lacht) Das Wetter – außer dieses Jahr. Was ich bis jetzt schön fand, war die große Auswahl an Kultur, die aber leider doch reduziert worden ist. Ich hatte sehr schöne Zeiten, als das ZKM eröffnet hat, als ich mit der HfG und der Kunstakademie tolle Projekte gemacht habe. Ich habe da ein bisschen auf das Schlachthofgelände gehofft, dass da wieder was kommt, aber auch da steht leider wieder die Wirtschaft im Vordergrund. Was ich noch mag, ist, dass Karlsruhe so gut liegt, du kannst dich von hier aus einfach super vernetzen, besser als wenn du von Berlin ständig fliegen musst.

Gehst du privat noch tanzen?
Ich war jetzt gerade am freien Wochenende mit meiner Partnerin im Robert Johnson, gehe auch gern nach Freiburg, Hamburg, Berlin. Tanzen gehört immer noch total dazu.

Bist du glücklich mit dem, was du erreicht hast?
Aber sicher. Ich hätte aber manchmal gern noch mehr erreicht. Aber ich denke auch, dass ich hier in Karlsruhe viel liegen habe lassen, aber ich habe eben auch hier viel erreicht. Aber die Energie, die ich hier investiert habe, hätte in der Großstadt finanziell mehr eingeschlagen. Aber auch hier brauchst du Qualität und ich habe mir Respekt erarbeitet.

Auf was freust du dich dieses Jahr noch am meisten?
Ich freue mich am meisten auf meine neuen Remixe, die bald rauskommen. Zudem habe ich im Juni eine 12-Inch auf Compost Black Label veröffentlicht, die ich zusammen mit Jan Krause von Beanfield produziert habe. Das erste Stück „Shayan“ ist meinem verstorbenen Bruder gewidmet und ist ein düster swingender Groover mit einem ziemlich irren Cello-Thema. Die B-Seite enthält zwei achtminütige Deephouse Tracks. Da solltest du mal reinhören. (lacht)

Wo legst du dieses Jahr noch auf?
Berlin steht wieder an, das SWR3 New Pop Festival… Bei den größeren Events habe ich gerade Ibiza und Gallipoli hinter mir. Außerdem bin ich noch auf dem Amsterdam Dance Event, auf der Music Conference in Miami, 20 Jahre Compost und Sonar Festival sind geplant für 2015. Da treffe ich wieder auf viele alte Kollegen, da freue ich mich besonders drauf. Wenn man diese vier Events übers Jahr mitnehmen kann, das ist schon super. Ich finde es auch immer wieder schön zu hören, was die anderen so machen. Ich vermisse diese Treffen im Plattenladen, so wie es früher war, aber das ist leider tot. MP3 kills music.

Kaufst du noch Vinyl?
Nach wie vor kaufe ich meine Platten in Berlin, da treffe ich auch alte Freunde. Seit Plattentasche zugemacht hat, gibt es in Karlsruhe leider nichts mehr, wo ich einkaufen könnte. Die Leute wollen doch auch sehen, dass ich mit den Platten arbeite und nicht da stehe, wie ein Beamter am Computer. Wenn du nur Musik auswählst, kannst du auch im Radio arbeiten. Die Show gehört dazu.

Shahrokh, ich danke dir für das Interview, es hat mir viel Spaß gemacht!
Ich sage auch danke, lass uns in Kontakt bleiben.

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