Dark Light
In der Adlerstraße zwischen einem Erotikvideo-Verleih und einem Thai-Restaurant liegt das Studio von Niels Hofheinz, dem Labelchef von Big Bait Records. Alleine managt er ein Label, das sich ganz dem House verschrieben hat.

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In der Adlerstraße zwischen einem Erotikvideo-Verleih und einem Thai-Restaurant liegt das Studio von Niels Hofheinz, dem Labelchef von Big Bait Records. In den sechsten Stock geht es mit einem alten Fahrstuhl. Im Studio riecht es nach Rauch und Kaffee. Im Hintergrund wummern sanfte Housebeats auf Zimmerlautstärke. Die letzten Wochen waren für Niels anstrengend. Alleine managt er ein Label, das sich ganz dem House verschrieben hat. Zwischen Emails, Platten zur Post bringen und Nächten hinter den Reglern, bleibt ihm nur noch wenig Zeit, um unter dem Namen Peter Clamat an eigenen Tracks zu basteln. Mit der “Diskko Dawn EP” erscheint am 02.03.2015 eine Platte mit gleich drei Karlsruher Produzenten. Darauf zu hören sind abgehangene Deephouse-Tracks von Odysea, Joseph Tacker, Georgi Barrel und Hendrik Vogel. Diesen Freitag wird das Release auch ordentlich befeiert mit einer Big Bait Labelparty, ab 23 Uhr, im Salt & Pepper in Pforzheim. Wir haben noch mal mit Niels über Leidenschaften, House und den Alltag eines Labelbetreibers gesprochen.

Hallo Niels, wie geht’s dir? Läuft alles gut soweit?

Ja, alles gut soweit, bin nur ein bisschen kaputt, weil die letzte Zeit ziemlich anstrengend war, wegen Promotion und solchen Geschichten. Aber jetzt mache ich mal ein bisschen entspannter. Das ist ja auch das Tolle, dass man sich selbst zurechtlegen kann, wann man was macht.

Du produzierst House und legst auch selbst gerne mal deutschlandweit auf. Muss ein guter DJ auch ein guter Produzent sein oder umgekehrt?

Ach nein, das glaube ich nicht. Aber es hilft natürlich schon. Als Produzent entwickelst du zum Beispiel ein viel feineres Gehör für das Beatmatching. Und aus der Promotionsicht macht es auch Sinn. Sonst musst du als Produzent als Live-Act auftreten, das ist furchtbar anstrengend. Ich finde das Auflegen da viel modularer und entspannter. Ich arbeite zum Beispiel gerne mit Roman Mühlschlegel Back to Back, da hast du fünf Minuten Anstrengung und fünf Minuten Entspannung.

Nimmst du viel von deiner Umgebung wahr, wenn du auflegst? Manche sagen sie sind dann im Tunnel.

Ich bin ziemlich bewusst bei der Sache. Ich haue mich auch nicht so zu, wie viele das machen beim Auflegen, aber irgendwann verrafft man eben doch die Übergänge. Ich reagiere aufs Publikum und schaue auf deren Reaktionen. Jetzt natürlich nur begrenzt und soweit ich da Bock drauf hab. So richtig tunnelmäßig ist es nicht. Ich mag es, wenn es entspannt zugeht und nicht alle fünf Minuten jemand kommt und David Guetta will. Teilweise wird man auch schon beschimpft, weil die Leute richtig besoffen sind und harten Techno wollen. Da machts halt auch keinen Spaß. Da gilt dann Augen zu und durch. Am besten ist es, wenn die Leute mitgehen, mitfeiern und sich einlassen können. Wenn sie sich ein Stück weit abholen lassen. Das ist wie wenn Du ins Konzert gehst und immer nur Mozart und Beethoven hören willst, anstatt dich auch mal auf neue und spannende Musik einzulassen. Ich persönlich lass mich gern überraschen, und freu mich wenn mich ein DJ mit etwas begeistern kann, was ich noch nicht kenne.

Mit Soul Estate ist ja jetzt ein weiteres Houselabel in Karlsruhe entstanden, siehst du das als Konkurrenz?

Nein, ich finde das total super und genial. Die haben einen etwas anderen Musikgeschmack und wir kommen uns da gar nicht in die Quere, im Gegenteil, wir supporten uns da sogar gegenseitig. Ich habe ihnen auch mit dem Drucken und solchen Dingen geholfen. Also das ist schon eine große Community. Vielleicht bringe ich mal was bei denen raus. Eine wachsende Labelkultur kann uns allen nur guttun in Karlsruhe.

Apropos Karlsruhe, war es im Nachhinein eine gute Entscheidung, dich hier mit dem Label Big Bait anzusiedeln?

Heutzutage ist es schon fast egal, wo du physisch sitzt. Du könnest ein Label von den Malediven aus betreiben, weil der Vertrieb online stattfindet. Ich finde es geil in Karlsruhe, weil es ein bisschen ruhiger und entspannter ist. Da kann man sich zum Arbeiten auch mal zurückziehen. Früher mal habe ich mir überlegt, nach Berlin zu ziehen. Ich habe einige Freunde, die dahin gezogen sind und bin dort oft zu Besuch. Aber mir gefällt das Klima in Berlin nicht. Da macht jeder selbst Musik und es ist meinem Gefühl nach schwieriger soziale Kontakte aufzubauen. Alles ist sehr oberflächlich, wenn man jemanden treffen will, muss man sich eine Stunde in die S-Bahn setzen. Und hier ist alles ein bisschen kleiner und herzlicher. Ich könnte mir auch vorstellen, ein Haus auf dem Land zu kaufen und dann im Studio zu produzieren.

Gehst du noch aus, also in Clubs?

Es ist eher selten. Wenn ich dann zwei bis drei Mal im Monat auflege, reicht mir das schon. Ich schaue jetzt auch nicht, wo ist heute eine coole Party, sondern bin auch froh, wenn ich mal einen Abend mit meiner Freundin rumchillen kann. Oder ich gehe halt mal gut essen. Gutes Essen und gutes Trinken gehört halt auch zum guten Leben dazu. Für mich ist das einfach auch Lebensqualität. Wenn ich jetzt 200 Euro von einem Gig in der Tasche hab, dann gehe ich einkaufen und fülle den Kühlschrank auf.

Wie stellt man sich den Alltag als Labelchef vor?

Ich stehe auf, trinke Kaffee und dusche. (lacht) Danach mache ich meistens Mails. Anschließend arbeite ich die Facebook Messages durch. Meistens hab ich dann noch Discogs Orders, die bringe ich dann zur Post und danach zum Beispiel Mixes, die anstehen oder das Grafikdesign für eine Platte. Das Tolle ist ja, dass ich ganz unabhängig machen kann, was ich will. Aber natürlich gibt’s auch Tage da arbeite ich dann bis 4 Uhr nachts durch, weil etwas fertig werden muss.

Wie sieht die Zukunft des Labels aus?

In nächster Zeit will ich die HipHop-Ecke ankratzen. Ich weiß noch nicht, ob es die nächste oder die übernächste Platte wird. Aber aus der Ecke gibt es einfach auch unheimlich coole Sachen. Da sind jetzt einige schon im Mastering. Das wird schon fast eine Mini-LP mit sieben Tracks. Die wird im Mai kommen, wieder ziemlich abgehangener Scheiß. (lacht)

Wie hast du angefangen?

Atari ST-2000 mit Cubase 3.1 also richtig oldschool. Damals gab es noch keine Rechner, die schnell genug waren. Nach dem Abi habe ich mir einen Synthie und einen Sampler gekauft. Im Keller lag dann noch der Atari von meinem Vater rum. Dann hab ich alles zusammengesteckt und los ging’s. So richtig PCs gab’s erst ab 2000, vorher war es einfach zu teuer. Dann hab ich mir irgendwann Logic zugelegt. Irgendwann hab ich mir dann im Studium gesagt, so jetzt musst du es mit der Musik probieren, entweder du machst es jetzt, oder es wird zu spät.

War schon House dein bester Freund?

Ja eigentlich schon immer. Früher natürlich auch mal gerne bisschen schneller, bisschen härter. Aber eigentlich hat mich House schon seit 1994 gekickt. Shuffliger, verspulter, flockiger House. Der Kern von dem hat sich eigentlich nie geändert. Je ehrlicher ich zu mir selbst bin und mir das zugestehe, desto besser verkaufen sich auch die Platten. Ich habe lange Zeit gedacht, ich muss irgendwelchen Erwartungen genügen und tun, was der Markt verlangt. Jetzt denke ich, scheiß auf den Markt, ich mache, worauf ich Bock habe und das wollen die Leute eigentlich auch. Aber das hat eine Weile gebraucht, um das zu checken. Wichtig ist, dass die Musik gut ist, das macht 90% aus und nicht die großen Namen vorne drauf.

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Da geht es auch viel um eigene Entdeckungen die man im Netz macht, oder?

Ja, im Prinzip hast du ein Fachpublikum. Ich freue mich auch immer wenn ich einen neuen Artist finde und sein Sound mir gut reinläuft. Das ist dann immer noch so ein Hochgefühl. Nicht immer die gleichen Namen. Je länger ich das mache, desto weniger Kompromisse mache ich da mittlerweile.

Das Verstellen bringt am Ende auch nichts, damit erreichst du letztlich die falschen Leute.

Genau das ist das Problem. Es ist auch immer lustig mit den Artists. Man lernt sich teilweise erst nach einem halben Jahr kennen und merkt aber gleich, dass man sich auf Anhieb total gut versteht, weil man auf musikalischer Ebene schon harmoniert. Da kann man am Musikgeschmack schon Charaktereigenschaften ablesen. Wir waren jetzt in Kassel, das hat sich angefühlt als würden wir uns alle schon zwei Jahre kennen. Das führt dann zu diesem familiären Gefühl. Es ist schon ein Netzwerk an Freundschaften.

Wie findest du die Clubs in Karlsruhe zurzeit?

Im Moment finde ich es eher schwierig. Was in der Fettschmelze passiert, finde ich ganz cool. Aber im House-Bereich ist es immer schwierig. Ich meine, wenn du jetzt Technofan bist, kannst du ins Gotec gehen und dir den Arsch versohlen lassen. Aber wenn du guten House hören willst, hast du in Karlsruhe schon immer ein Problem. Bei vielen Läden fehlt das Verständnis dafür, wie man einen Laden brandet, sich ein Stammpublikum aneignet. Das hat auch einfach damit zu tun, dass die Betreiber oft Gastronomen sind und wenig Ahnung von der Musik haben. Dafür brauchst du eigentlich einen Booker, der über Jahre hinweg einen gewissen Style fördert. So dass die Leute sagen, das ist mein Laden, da läuft mein Sound.

Ist nicht auch das Publikum in Karlsruhe ein besonderes Problem?

Ja, da hast du absolut recht. Ich habe in Heidelberg studiert und da gibt’s viel mehr Geisteswissenschaftler, die zeigen sich in der Regel musikinteressierter. Hier sind es insgesamt vielleicht 3000 Leute, die Geisteswissenschaftler oder ähnliches sind. In Heidelberg sind es bestimmt doppelt oder dreimal so viele. Hier gibt es auch leider viele Studenten, die sich gar nicht fürs Ausgehen oder Musik interessieren.

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Hast du musikalische Kenntnisse?

Ich habe Musikwissenschaften studiert, das heißt Kompositionslehre, das heißt Notensatz, Kontrapunkt, Ligaturen, alles gelernt, den ganzen Scheiß. Ich hab auch früher Klavier gespielt und Blockflöte in der Grundschule. (lacht) Ich würde gerne noch ein bisschen mehr von Jazz-Harmonien verstehen, aber ich denke nicht, dass es Voraussetzung fürs Produzieren ist. Aber dieses Wissen hilft natürlich ungemein. Wenn du weißt, da muss noch eine Terz in den Bass damit es so klingt, wie ich will. Aber andererseits bremst dieses Fachwissen natürlich auch den chaotischen Prozess ein bisschen aus. Ich hab das auch studiert, um mein musikalisches Selbstbewusstsein zu bilden. Einfach zu sehen, wo stehe ich in dieser Musikwelt. Ich möchte die Leute emotional berühren und das möchte ich mit meiner Labelarbeit genau so. Die Menschen sollen die Musik hören und einfach sagen, das hat mich jetzt berührt. Musik, die nur aus dem Konzept heraus Sinn ergibt, ist für mich am Ziel vorbei. Weil Musik per se emotionale Kommunikation ist.

Ist es nicht schade, wenn man gute Künstler ziehen lassen muss, weil sie andere Angebote von anderen Labels bekommen, nachdem man sie aufgebaut hat?

Ja viele machen dann auch irgendwann ihr eigenes Ding, gründen selbst ein Label. Aber ich lass den Leuten auch gerne die Freiheit, weil die meisten kommen dann auch zurück, weil sich daraus auch Freundschaften entwickelt haben. Letztendlich kann ich auch keine Knebelverträge machen, weil ich im Jahr zu wenig release. Andererseits hilft es natürlich auch, wenn die Artists auf anderen Labels releasen, weil die Hörer dann schauen, was der Künstler sonst gemacht hat und dann auch bei Big Bait kaufen.

Danke für das Gespräch und den Kaffee und weiterhin viel Glück mit deinem Label und der Musik!

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