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Wohnraum, Lebensraum, Lebendigkeit sowie die Interaktion von Kunstwerk und Rezipient sind Themen, die in der Ausstellung ‘ONLY LIVING ROOMS’ behandelt werden. Eine Künstlergruppe und fünf Einzelpositionen, allesamt Studenten der Hochschule für Gestaltung, zeigen hierzu ihre Arbeiten gerade in der Villa in der Gellertstraße 14. Wir haben Kilian Kretschmer und Jenny Starick bei der Vernissage zum Interview getroffen…

Wohnraum, Lebensraum, Lebendigkeit sowie die Interaktion von Kunstwerk und Rezipient sind Themen, die in der Ausstellung ‘ONLY LIVING ROOMS’ behandelt werden. Eine Künstlergruppe und fünf Einzelpositionen, allesamt Studenten der Hochschule für Gestaltung, zeigen hierzu ihre Arbeiten gerade in der Villa in der Gellertstraße 14. Wir haben Kilian Kretschmer und Jenny Starick bei der Vernissage zum Interview getroffen, die gemeinsam mit Muriel Meyer und Lydia Kähny das kuratorische Team der Ausstellung bilden.

Potenzierte Räume sollen durch die Gegenüberstellung der Kunstwerke in der Verschmelzung von Realität und Virtualität entstehen – so der Klappentext zur Ausstellung. Was bedeutet das? „Lebendigkeit braucht einen Raum, den Lebensraum. Und nichts steht stärker für die Lebendigkeit eines Raumes, als der Wohnraum. Der Titel ONLY LIVING ROOMS wurde gewählt, weil in jedem Raum Leben ist“ erklärt Kilian. Die Kunstwerke bewohnen die Räume der Villa, leben in ihnen und beleben sie dadurch.

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Die Ausstellung stellt den Abschluss des Seminars ‘Raum – Zeit – Geist’ dar, das Kilian an der Hochschule für Gestaltung (HfG) geleitet hat: „Es ging um die Fragen, was Lebendigkeit in der Kunst bedeutet, wie ein Kunstwerk lebendig wirken oder ob ein Kunstwerk sogar lebendig sein kann“. Um sich diesen Fragen praktisch zu nähern, wurde ein Dokumentationslabor geschaffen, das im Laufe der Ausstellung stetig weiter wachsen wird. Mittels Text, Film und Fotografie steht hier die Reflexion über den Raum und seine Beschaffenheit sowie über die eigene Arbeit im Mittelpunkt. Nach Kilian erarbeitet man hier gemeinsam Möglichkeiten, die Arbeiten zu fixieren, ohne dass dem Umraum zu viel Prominenz zukommt: „Die Arbeiten sollen über verschiedene Dokumentationsformen nach und nach archivarisch abgebildet werden, um die Frage zu beantworten, wie sich das Kunstwerk möglicherweise weiterentwickelt, wenn der Künstler schon nicht mehr daran arbeitet. Kann es eine Art Eigenleben entwickeln?“ Die Interaktion zwischen Kunstwerk und Rezipient steht also im Vordergrund. So werden sich die noch leeren Monitore im Laufe der Zeit mit Inhalten füllen.

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Am Ende der Ausstellung steht das Werk seiner Dokumentation gegenüber. Den Kontrast zwischen Abbild und Dokumentation oder Darstellung eines Inhalts und seiner Realität kann man nach Kilian als Verhältnis von Virtualität und Realität ansehen. Damit spielt die Ausstellung. Jenny, Kilian und Muriel sowie das Layout-Team, bestehend aus Lena Thomaka und Friederike Spielmannleitner, unterstützten die Studierenden der Fachrichtung Medienkunst bei den Vorbereitungen. Lydia Kähny, die Ausstellungsdesignerin,lieferte unter anderem die Idee für das Dokumentationslabor.

Doch was gibt es denn nun genau zu sehen?

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Schwingende Metallplatten und Saiten, 50 Hz Netzbrummen, Spannung aus statischen und ästhetischen Gründen, spezifische Resonanzpunkte für Tonabnehmer und ein mit der Perspektive wechselnder Sound – das ist die Arbeit des Künstlerkollektivs LAYTBEUIS. Jenny erklärt: „Die Arbeit funktioniert im Prinzip mit einer Rückkopplung. Aber es ist eben auch ihr Geheimnis, dass man nicht genau weiß, wie es eigentlich klappt. Man hat nur die Verknüpfung von dem Objekt, das im Raum steht und dem Sound, der wiederum nicht gemacht ist, sondern organisch aus dem Objekt selbst entsteht.“

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Natalia Schmidt inszeniert in ihrer Arbeit die Panzerglasscheibe einer geschlossenen Bankfiliale. Die gelbe Platte strahlt im sonst abgedunkelten Raum – durch einen Schlitz dringt Licht von Außen ein. Über ihre Installation verknüpft sie den durch die liegende Scheibe dargestellten Börsencrash von 1929 mit dem Raum der Villa, die ebenfalls in diesem Jahr gebaut wurde. „Sie möchte in ihrem Kunstwerk auch auf die persönlichen Konsequenzen hinweisen, die durch solche Krisen entstehen können. Das ist ihr ganz wichtig, dass es nicht nur um Geld und Finanzen geht. Und es verweist natürlich auch ganz stark auf den aktuellen Moment mit Griechenland“ erläutert Jenny. „Der Schlitz in den geschwärzten Scheiben wird tagsüber von der Sonne durchleuchtet und wandert mit ihrer Bewegung durch den Raum, als würde sie den Börsencrash abscannen“, so Kilian.

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In Max Negrellis Installation verbinden sich Innen und Außen: Im Obergeschoss der Villa steht eine Pumpe, die einen Springbrunnen im Garten betreibt, der in einem leeren Pool steht. „Draußen ist ein schöner, romantischer Schauplatz dargestellt, mit einem Licht, das einen Tageslichtfilter eingebaut hat. Die dadurch surreal wirkende Kulisse wird durch den Raum oben aufgeklärt, der den Blick hinter die Kulissen auf die Pumpe und den Lichtfilter erlaubt“ erklärt Kilian. „Ausgangspunkt der Arbeit war auch die Thematik des animierten Wassers und der Wasserreinheit, die für Max nur in der Simulation besteht. Die Installationssituation spiegelt das wider. Es gibt das Idyll, das man betrachten kann, wenn man aus dem Fenster blickt – aber dieses Idyll entsteht nur durch eine Simulation, die man durch den Blick ins Zimmer enttarnt“, so Jenny.

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Das ganze Hab und Gut einer Person in einen Raum gepackt? Bei Lukas Fütterers Installation genügen hierfür ein Regal und vakuumverpackte Tüten. Die Pakete können aufgrund ihrer durchsichtigen Verpackung auch eingesehen werden, was wiederum die Interaktion der Besucher mit dem Kunstwerk fördert. Im Verlauf der Ausstellung werden die persönlichen Gegenstände von ihrem Besitzer nach und nach abgeholt. „Lukas geht auch ganz bewusst auf die Situation eines Lagers an sich ein: Es soll schützen, deshalb die Plastikfolie, es ist einsehbar und sein Inhalt kann sich verändern, indem beispielsweise Dinge entfernt werden. Das Zwischenlager aus persönlichen Gegenständen verweist wiederum auf räumliche Zwischenstationen, die im Leben eines Menschen vorkommen können“, so Jenny.

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Im nächsten Raum ist die Arbeit von Zhou Pei ausgestellt. Er ist komplett abgedunkelt, der Fußboden mit Erde bedeckt. In der Mitte des Raums ist ein kleiner Teich, eine Projektion spiegelt sich darin. Zu sehen ist eine bleiche Frau, deren Gesicht in starkem Kontrast zur dunklen Umwelt steht. Was macht sie? So viel sei verraten: Ihr Handeln hat mit der Zahl 108 zu tun. Warum gerade 108? Die besondere Bedeutung dieser Zahl im asiatischen Raum könnte der Schlüssel zur Antwort sein… Die Installation regt auf vielerlei Art zum Nachdenken an.

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„Amazonas Beach Club – Women Only“ – 6_og_26.2qm nebenan ist nur für Frauen zugänglich. Hier findet um 20:30 Uhr die Performance von Veronika Christine Dräxler statt. Was genau zu sehen war, bleibt den anwesenden Frauen des Abends vorbehalten. Allerdings wurden die Zuschauer im Anschluss nach ihren Eindrücken von der Performance befragt. So können spätere Besucher versuchen, sich anhand der angefertigten Interviewausschnitte ein eigenes Bild zu machen und durch das nacherzählte Empfinden einen Mythos entstehen lassen. Gerade bei dieser Arbeit spielt das Dokumentationslabor eine wichtige Rolle!

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Auch Besucher können ihre eigenen Eindrücke festhalten, unter anderem in einem Gästebuch. Man darf gespannt sein, mit welchen Inhalten die Monitore gefüllt werden und wie sich die Arbeiten von ihrer Dokumentation unterscheiden werden. Vielen Dank an Jenny und Kilian! Unbedingt vorbeischauen!

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Wann?
01. – 23. Oktober 2015
Mittwoch – Samstag | 16:00 – 21:00 Uhr

Besondere Termine?
house tour | Freitags 09. & 16. & 23. Oktober 2015 | 18:00 Uhr
guest room | Samstag 10. Oktober 2015 | 18:00 Uhr
artist talk | Samstag 17. Oktober 2015 | 18:00 Uhr
Finissage | Freitag 23. Oktober 2015 | 19:00 Uhr | mit Katalog- und Film-Release, Konzert

Wo?
Villa | Gellertstraße 14 | 76185 Karlsruhe

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