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Unter dem Namen „Das Große Fressen“ stellt der Maler Simon Czapla derzeit seine faszinierenden wie irritierenden Werke im Kunstverein Letschebach in Durlach aus. Wie das Ganze künstlerisch umgesetzt wurde, warum sich seine Ausstellung gerade hier realisieren lässt und wie ein Boden voller Lebensmittel zum Sinnbild von Grenzen wurde, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel.

Unter dem Namen „Das Große Fressen“ stellt der Maler Simon Czapla derzeit seine faszinierenden wie irritierenden Werke im Kunstverein Letschebach in Durlach aus. Wie das Ganze künstlerisch umgesetzt wurde, warum sich seine Ausstellung gerade hier realisieren lässt und wie ein Boden voller Lebensmittel zum Sinnbild von Grenzen wurde, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel.


Politische Gegner Marie Antoinettes brachten am Vorabend der Französischen Revolution als Beispiel für das Leben im Übermaß und der Dekadenz des Adels während der Hungeraufstände des Volkes das angeblich aus ihrem Munde stammende Zitat „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche!“, zu deutsch „Wenn sie kein Brot haben, so sollen sie doch Kuchen essen!“ in Umlauf. Dieser Ausspruch betitelt auch das im Fokus der Ausstellung stehende Tafelbild des Künstlers. Es zeigt zwei voll gesättigte Affen, die auf einem Berg von Torten und anderen Backwaren thronen. Vor dem Bild die dazugehörige Installation: Eine lange, reich gedeckte Tafel mit den Reliquien des am Vortag der Vernissage realisierten großen Fressens.

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Der Künstler Simon Czapla mit Tafelbild und Installation

Jeder geladene Gast, darunter Künstlerkollegen und Freunde, sollte ein kolossales Vier-Gänge-Menü mitbringen. Alle Gäste kamen zudem in ihrer Lieblingskleidung, sie sollten sich wohl in ihrer Haut fühlen. Den in Konstanz geborenen Künstler im Rokoko-Kleid hätte man gerne gesehen! Der Abend wurde vom Künstler fotografisch festgehalten – als Skizze für sein zukünftiges Tafelbild „Das Große Fressen“. Den Titel für seine Ausstellung schöpfte Simon aus dem gleichnamigen Filmklassiker „Das große Fressen“ von Marco Ferreri von 1973, in dem sich Freunde treffen, um durch maßloses Essen kollektiv und feierlich Suizid zu begehen. Die Idee zur künstlerischen Auseinandersetzung mit den Themen Überproduktion, Überkonsum und Wegwerfwahn kam ihm erstmals, als er, wie er sagt, Augenzeuge eines für ihn sehr abstrakten Moments wurde: Er ging Samstag nachmittags an einer Bäckerei vorbei und sah, wie die Verkäuferinnen den noch guten Kuchen nach Ladenschluss von der Theke in 20-Liter-Müllsäcke kippten. Lebensmittelauflagen in Deutschland bestimmen dieses Wegwerfverhalten verderblicher Ware. In seinen mit Ölfarbe oder Acryl auf Baumwolle gemalten Bildern spiegelt sich seine Auseinandersetzung mit dem dekadenten Umgang mit Lebensmitteln wider. Simon stellt die Verteilungspolitik von Nahrung und Ressourcen der westlichen Welt in Frage. Affen sind, als die dem Menschen nächst artverwandten Lebewesen, oftmals Protagonisten seiner Werke. Sie stellen für ihn die Verbundenheit zur Natur dar, die der Mensch verloren habe. Außerdem zeigen sie ihre animalischen Triebe offen, leben sie aus, wobei der Mensch nach Czaplas Meinung nur noch durch Überkonsum enthemmtes Verhalten zeigt, wie beispielsweise im Rausch der Sinne. Daher auch das Fressmahl am Vortag: Durch den übermäßigen Konsum von Genussmitteln sollten Hemmungen fallen gelassen werden, das Essen sollte bewusst in eine Orgie münden. Der Spannungsbogen zwischen Hemmung und Enthemmung und somit das Überschreiten von eigenen Grenzen war für Simon dabei zentral. Ab welchem Punkt lässt man sich gehen und wie weit? So viel sei gesagt: Das Festmahl von Czapla endete in einer Essensschlacht, deren Ausmaß auch am Tag danach noch anhand der Überreste an den Wänden zu erkennen ist.

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Impressionen des Festmahls am Vorabend der Vernissage

Ein Großteil der Wände wurde noch kurz vor der Ausstellung geweißt, damit die Bilder auch unabhängig von der Installation wirken können. Lachend meint Simon, es wäre auch schade, wenn man nur den mit Keksen übersäten Boden wahrnimmt und nicht die Bilder. Grenzen zu überschreiten, Hemmungen fallen und Konventionen zurück zu lassen und das alles in ein Kunstprojekt einzubinden, ist sicherlich nicht in jeder Kunstinstitution in dieser Exzessivität möglich. Auch deshalb entschied sich Czapla, als Absolvent der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, für den Letschebach als Kooperationspartner.

Das Kredo des in Durlach ansässigen Kunstvereins: Kunst soll autonom entstehen können und autonom existieren – unabhängig von den aktuellen Geschmackstendenzen auf dem Kunstmarkt. Der Künstler soll über sich hinaus wachsen, innovativ und frei arbeiten können – ohne Einschränkungen oder Auflagen von Außen. Während des Studiums hatten die späteren Gründer des Letschebach schnell festgestellt: Es ist nicht einfach, seine Arbeiten nach eigenem Ermessen, kreativ und ohne äußere Rahmenbedingungen umzusetzen. Kunstinstitutionen sind in vielerlei Hinsicht streng reguliert. Daher gründeten einige Studenten und Absolventen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe 2011 den autonomen Kunstverein. Darunter auch Lisa Schlenker, die uns am Abend der Vernissage gemeinsam mit Simon durch die Ausstellung begleitet. Der Letschebach ist in einer alten Fabrikhalle angesiedelt, die von den Mitgliedern selbst umgebaut wurde. Der Name Kunstverein Letschebach, sagt Lisa, sei eine Persiflage an sich, aufgrund seiner Schrecklichkeit. Letschebach ist die mundartliche Redewendung für Durlach. Das Kollektiv, so nennen sich die Mitglieder, spannt sein Netzwerk über die ganze Welt und lädt andere Künstler ein, in Karlsruhe zu wirken und auszustellen, wodurch eine internationale Vielfalt an Projekten entsteht. Dadurch bietet der Kunstverein nicht nur abwechslungsreiche Ausstellungen, sondern auch jungen Künstlern eine Plattform, die ihre Werke unabhängig vom etablierten Geschmack realisieren können. Als besonders spannendes Projekt hat Lisa die Kooperation mit drei japanischen Künstlern in Erinnerung. Diese hatten auf Einladung von Sascha Brosamer für über zwei Monate in den Räumlichkeiten des Letschebach gewohnt und gearbeitet. Ihr Wirken wurde in der Ausstellung „Japanese Painting Now!“ vorgestellt. Für die Anthropozänta, einem Großprojekt des Letschebach, wurde eine leer stehende Kleinstadt, Helmbrechts bei Hof in Bayern, eingenommen. Vom Kunstverein organisiert und mit weiteren Künstlern durchgeführt, gab es ein Stammhaus und viele weitere Gebäude, in denen verschiedenste Kunstprojekte realisiert wurden – vergleichbar zur Berlinale in freiem Rahmen. Auch 2015 hat der Letschebach viel vor: Das komplette Jahresprogramm ist voll. Es steht u.a. ein Großprojekt in Istanbul an, welches den intermedialen und Generationen übergreifenden Dialog von türkischen und deutschen Künstlern beinhaltet. Außerdem ist in Planung, dass der Raum zukünftig als reine Arbeits- und Ausstellungsfläche genutzt werden soll – nicht mehr als Wohnatelier. Bisher finanziert sich der Kunstverein über die regulären Mietzahlungen. Da sich die Studienzeit vieler Letschebacher dem Ende zuneigt und das Projekt weiterhin als Anlaufstelle für Kunstprojekte und Künstler bestehen soll, wurde 2013 der Förderverein „Letschebach United e.V.“ gegründet.

Die Möglichkeit des grenzenlosen Schaffens von Kunst in ihren Räumlichkeiten ist für die Letschebacher von höchster Bedeutung – wie für den Künstler Czapla das Überschreiten von Grenzen in Form eigener Hemmschwellen. Die verlassene Festtafel als Installation bleibt noch bis Ausstellungsende stehen. Die Lebensmittel stammen übrigens teilweise vom „Containern“, ein weiteres Phänomen, das die Wegwerfgesellschaft zum Vorschein gebracht hat. Simons größte Angst: Die Joghurtbecher könnten platzen! Der aufmerksame Leser oder Besucher mag sich wundern, warum das im Flyer beworbene Tafelbild „Strawberry fields forever“ nicht Gegenstand der Ausstellung ist. Es befindet sich gerade in Wien und wird dort zugunsten eines Kinderhospiz versteigert.

Unser Eindruck von Künstler und Kunstverein war durchwegs positiv, beide waren offen und sympathisch. Der Zugang zu Kunst wird einem leicht gemacht. Auch für uns als Laien. Kunstverständnis wurde in sehr lockerem und angenehmem Rahmen vermittelt – ein Besuch beim Letschebach ist daher unbedingt zu empfehlen.

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Bilder von der Vernissage im Kunstverein Letschebach


Wen das Interesse an Künstler und Kunstverein gepackt hat: Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Januar 2015. Am 31. Januar ist die Finissage, ab 21.00 Uhr spielen Hammond a Go Go.

Öffnungszeiten: Do-So: 16-21 Uhr

Anfahrt:
Kunstverein Letschebach
Blumentorstraße 12
Karlsruhe-Durlach

Weitere Termine nach Absprache: Kunstverein Letschebach


Infos zum Künstler und zum Kunstverein findet ihr hier:

Homepage von Simon Czapla
Homepage des Kunstvereins Letschebach

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