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Josef Jünger

Vor Begeisterung stumm – die 10. Karlsruher Stummfilmtage

Welche Kraft bewegte Bilder und Musik haben, ganz ohne Worte, beweisen die 10. Karlsruher Stummfilmtage „Fritz Lang und seine Stars“ vom 1. – 4. März im ZKM und im Studentenhaus auf dem KIT Campusgelände.

Fritz Lang prägte als Regisseur die Filmgeschichte, indem er ästhetische und technische Maßstäbe setzte und damit zahlreiche wegbereitende Filmklassiker schuf. Die Stummfilmtage zeigen aber nicht nur Langs Werke wie „Die Nibelungen“ oder „Spione“, das Programm bietet weiterhin Komödien von Lilian Harvey und Willy Fritsch oder im “Kulinarischen Kino” Eichbergs „Die keusche Susanne“. Darüber hinaus werden Melodramen und zusätzlich spannende Live-Musik-Performances im neu eingeführten Filmkonzert gezeigt. Dabei wird das “Kammerflimmer Kollektief” den russischen Science-Fiction-Film „Aelita – die Königin des Mars“ musikalisch live begleiten.

Ein weiteres Highlight liefert der Liebesfilm „Seventh Heaven“ von Frank Borzages, der in Partnerschaft mit einem französischen Stummfilmfestival gezeigt wird. Dessen Hauptdarstellerin Janet Gaynor damals den ersten Oscar der Filmgeschichte für ihre Rolle in diesem Film gewann. Welche Ironie des Schicksals, dass gerade vor wenigen Tagen der französische Stummfilm “The Artist” mit fünf Oskars ausgezeichnet wurde und dem eingestaubten Genre damit frische Popularität verleihen wird. Den Organisatoren der Karlsruher Stummfilmtage soll‘s recht sein.

Was wir von den 10. Karlsruher Stummfilmtage erwarten können, haben wir den Leiter der Stummfilmtage Josef Jünger gefragt.


Interview mit Josef Jünger
Bericht und Interview von Dorothea Reichert
Foto von Nico Kolb

Spione Fritz Lang

Herr Jünger, Sie veranstalten die Karlsruher Stummfilmtage. Was machen Sie genau?

Ich bin Leiter der Karlsruher Stummfilmtage sowie Vorsitzender der DéjàVu Film e.V.. DéjàVu Film e.V. besteht noch nicht so lange, seit 3 Jahren. Die Stummfilmtage gibt es schon länger – seit 10 Jahren.

Stummfilme sind nahezu komplett aus dem normalen Kinoprogramm verschwunden. Wie kamen Sie auf die Idee, Stummfilmtage ins Leben zu rufen?

Ich habe einerseits ein starkes geschichtliches Interesse. Auch Film hat eine Geschichte. Das Medium wäre heute nicht das, was es ist, wenn es die Geschichte dazu nicht gäbe. Andererseits arbeite ich im Studentenhaus als Leiter des Studentischen Kulturzentrums. Es war der Festsaal im Studentenhaus, der mich früh auf die Idee gebracht hat Stummfilmvorführungen zu machen, nicht nur mit dem üblichen Solopianisten sondern mit einem größeren Ensemble. Die ersten Stummfilmtage, die damals ein einfaches Stummfilmwochenende waren, kamen so zustande. An besagtem Wochenende in 2002 wurden nur zwei Kammerspielfilme gezeigt. Einmal war das „Die Hintertreppe“ mit Henny Porten und „Scherben“. Alle Kammerspielfilme waren sehr ernsthaft und hatten kein gutes Ende. Die Stummfilmtage haben bald den Ruf bekommen, eine künstlerisch sehr hochstehende und anspruchsvolle Veranstaltung zu sein. Das hat dann natürlich auch einen Einfluss auf unser Publikum gehabt. Uns machen die Stummfilmtage Spaß, wir zeigen auch gerne Komödien; gleich das zweite Programm war Ernst Lubitsch gewidmet. Das war – auch im Nachhinein – eines der Schönsten für mich.

Protasanow

Wie sieht denn das Programm in diesem Jahr aus?

Der Fokus in diesem Jahr liegt bei „Fritz Lang und seinen Stars“. Wir wollen aber nicht nur Filme von Fritz Lang zeigen, da es sich bei seinen Filmen fast ausschließlich um Spannungsgeschichten handelt. Eine unserer Mitarbeiterinnen, Stefanie, hatte dann die tolle Idee Filme ins Programm zu nehmen, in denen Stars wie Lilian Harvey, Willy Fritsch und Brigitte Helm mitspielen, die aus den Filmen Langs bekannt sind.

Was bieten sie neben den Filmen von Fritz Lang?

Wir haben in diesem Jahr viel Neues, verzichten aber nicht auf die beliebten Veranstaltungspunkte der letzten Festivals. Es gibt das Kulinarische Kino, das im letzten Jahr schon sehr erfolgreich war. Dazu läuft die Komödie „Die keusche Susanne“.

Kulinarisches Kino – Was gibt’s denn Leckeres?

Es gibt ein spezielles Menü, das ursprünglich 1924 bei der Premiere der Nibelungen in Berlin serviert wurde. „Die Nibelungen“ präsentieren wir im Eröffnungsprogramm. Wir bekommen eine speziell eingefärbte Kopie. Bei der Restaurierung ist die traditionelle, analoge Kolierungstechnik verwendet worden, was heute extrem teuer ist. Das Menü haben wir den heutigen Essgewohnheiten leicht angepasst – auch aus Gründen der Nachhaltigkeit. So ist beispielsweise kein Fisch dabei, der heute überfischt ist.

Was gibt es außer dem Kulinarischen Kino noch?

Es gibt am Samstag ein Filmkonzert im ZKM. Bei der Auswahl der Künstler sind wir anders als normalerweise vorgegangen. Dieses Mal haben wir ein bestimmtes Ensemble eingeladen, das Karlsruher Kammerflimmer Kollektief, das ein neues Album veröffentlicht hat. Dazu passend haben wir den russischen Science-Fiction-Film „Aelita – Die Königin des Mars“ von 1924 ausgesucht. Normalerweise gehen wir in anderer Reihenfolge vor: nach der Filmauswahl schlagen wir die Filme Musikern vor.

Aelita

Welche Rolle spielt die Musik beim Stummfilm?

Man muss generell sagen, dass die musikalische Begleitung bei unserem Festival eine große Rolle spielt. Wir versuchen viele verschiedene Ensembles zu den Filmen einzuladen. Es geht um verschiedene Stile und vom Solopianisten bis zum großen Ensemble, wie der Capella Obscura. Dieses Ensemble begleitet die zweite Komödie im Programm: „Ihr dunkler Punkt“ mit Lilian Harvey in einer famosen Doppelrolle. Zudem haben wir eine Partnerschaft mit einem Filmfestival Anères in Frankreich. Von dort zeigen wir „Seventh Heaven“. Es wird unser Abschlussfilm sein mit einem Musiker aus Paris, der diesen Film auch auf dem französischen Filmfestival mit Akkordeon und Klavier begleitet hat. Ich bin sehr gespannt, denn es ist das erste Mal, dass wir einen Film von Frank Borzage zeigen. „Seventh Heaven“ ist einer der großen Liebesfilme der Filmgeschichte. Besucher sollten unbedingt Taschentücher mitbringen, oder – wie man in Frankreich sagt: „Préparez vos mouchoirs“.

Borzage

Gibt es auch was für die ganz Kleinen?

Ja, für die Kleinen gibt es etwas Spezielles. Als Karlsruhe vor einigen Jahren Kulturhauptstadt werden wollte, haben wir uns überlegt, ob wir einen Film zeigen können, den auch Kinder begleiten. Das ist nicht sehr einfach. Kinder schauen zum Beispiel gern Slapstick, wie Laurel und Hardy, können aber nicht auf den Punkt spielen. Außerdem haben sie nur eine Zeitlang Ausdauer. Wir haben etwas ganz Besonderes auf dem Festival „Cinema Ritrovato“ (Wiedergefundenes Kino) in Bologna gefunden. Dort lief in einem Programm Kino von vor 100 Jahren „Pinocchio“. Der Film ist von 1911 und unglaublich frisch und toll. Wir haben den probeweise Kindern vorgeführt: sie waren begeistert.

Wer macht in diesem Fall die Musik?

Begleitet wird „Pinocchio“ vom Kinder-Streichorchester des Badischen Konservatoriums, mit denen wir jedes Jahr zusammenarbeiten.

Und wo finden die Stummfilmtage statt?

Im Studentenhaus auf dem Campus am Adenauerring und im ZKM.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr Infos zum Stummfilmtagen gibt’s unter www.karlsruher-stummfilmtage.de

Vielen Dank für das Interview!

Fritz Lang

Bericht und Interview von Dorothea Reichert
Foto von Nico Kolb

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