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Wie benennt man einen geographischen Ort, der sich in internationalen Gewässern befindet, der ahistorisch, kulturell noch nicht geprägt ist? Wie stellt man sich einen solchen Ort vor? Wird man an diesem Ort entdeckt? Natalia Schmidts Ausstellung lädt zu einer imaginären Reise an einen realen Ort ein, der noch nicht benannt wurde. Er liegt 1290 Kilometer östlich von Neuseeland und stellt die Antipode zum Ausstellungsort im Luis Leu in Karlsruhe dar…
Es gibt keinen Grund für diese
Wahrheit.
Und wo kein Grund ist, fällt sie.
Nur dort wo Tiefe ist, hat der
Grund Bestand.
Und wo wäre dieser Grund?
An einem Ort der morgen ist,
der in der Zukunft liegt, direkt
gegenüber, ohne Grenzen …
vielleicht im Meer … im Pazifik.

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Wie benennt man einen geographischen Ort, der sich in internationalen Gewässern befindet, der ahistorisch, kulturell noch nicht geprägt ist? Wie stellt man sich einen solchen Ort vor? Wird man an diesem Ort entdeckt?

Natalia Schmidts Ausstellung ‘49°00’02.6″S 171°35’32.9″W‘ lädt zu einer imaginären Reise an einen realen Ort ein, der noch nicht benannt wurde. Der Titel setzt sich aus den nautischen Koordinaten einer spezifischen Stelle im Pazifik zusammen, die 1290 Kilometer östlich von Neuseeland liegt und die Antipode zum Ausstellungsort im Luis Leu in Karlsruhe darstellt. Die Zeitverschiebung zwischen den beiden Orten beträgt zwölf Stunden – die Antipode ist uns zeitlich gesehen immer einen Schritt voraus… Mit kuratorischer Unterstützung von Jenny Starick und Thomas Maier wurde der Grundstein für ein Projekt gelegt, das sich stetig weiterentwickeln wird und mit unserem Verständnis von Raum und Zeit spielt.

Antipode –  der gegenüberliegende Ort am anderen Ende der Welt
Antipode bedeutet wörtlich ‘Gegenfüßer‘. Diese Bezeichnung rührt von der früheren Vorstellung her, dass Antipoden, sprich die auf der anderen Seite der Erdkugel existierenden Menschen, mit dem Kopf nach unten und den Füßen nach oben leben. Heute versteht man unter Antipoden die auf der Erdfläche gegenüberliegenden Punkte, die durch eine gerade Linie durch den Erdmittelpunkt miteinander verbunden werden.

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Die geographischen Koordinaten der 5342 Meter tiefen antipodischen Stelle im Pazifik, an der man sprichwörtlich keinen festen Boden unter den Füßen hat, wurden von Natalia in ihre nautischen Daten überführt. Da sich der Ort in internationalem Gewässer befindet, ist er keinem Land spezifisch zuordenbar und unterliegt somit den Gesetzen der Hohen See. Dies ermöglicht einen gewissen Spielraum: Die Ausstellung stellt den Auftakt des Projektes ‘Antipodia‘ dar, dessen Ziel es ist, die Antipode zum Ausstellungsraum virtuell und real kartographisch zu markieren – und zu benennen. Wie der Ort, ist auch das Projekt fluid, wobei stets die Frage im Raum steht, nach welchen Kriterien sich ein solcher Raum benennen lässt, der vollkommen abstrakt und dennoch unser direktes Gegenüber ist.

Die Idee zur Ausstellungsthematik entsprang einem Gefühl, das Jedem von uns bekannt ist: Der Vorstellung, vor Scham im Boden zu versinken. „Die Wiederkehr von geopolitischem Denken, die man seit ein paar Jahren beobachtet, hat in mir ein Gefühl von Enge und Scham, von Bodenlosigkeit ausgelöst. So zum Beispiel die Forderung nach dem Gebrauch von Schusswaffen an Grenzen. Da kam bei mir die Frage auf: Was wäre, wenn ich jetzt wirklich im Boden versinken würde, wo würde ich wieder herauskommen?“

Wie stellt sich die imaginäre Reise zur realen Antipode in der Ausstellung dar?
Die Konzeptkünstlerin arbeitet mit Schifffahrtsmaterialien. Eine Originalboje vom 365. Rheinkilometer nahe Karlsruhe, geliehen vom Wasser- und Schifffahrtsamt Mannheim, fällt mit ihrer rostigen Grundkette und den Algenablagerungen zuerst ins Auge. Sie ist ein erstes Symbol der kartographischen Verortung – Anker wurde gesetzt. „Alle Gewässer münden irgendwann in den Pazifik, den Friedensozean. Es ist natürlich eine schöne Vorstellung, die Boje dorthin aufs Meer zu bringen“, so Natalia. Dabei ist es kein Zufall, dass die Kilometeranzahl der Boje der runden Zeiteinheit eines Jahres entspricht – im Laufe des nächsten Jahres soll das Projekt volle Fahrt aufnehmen.

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Der rote Punkt der Google-Maps-Markierung im tiefblauen Meer ist die symbolisch gesetzte Flagge, die das Benennen und Erkunden eines Ortes voraussetzt – in diesem Falle eines atopischen, bodenlosen Ortes Mitten im pazifischen Ozean. ‘Google Searches for Antipodia‘ vermittelt uns einen ersten Eindruck davon, wo wir uns geographisch gesehen befinden. Dennoch scheint die Lokalisierung für den Satelliten nicht ganz einfach zu sein: Google-Maps ist mit dem zur Luisenstraße 32 antipodisch gelegegen Ort überfordert, die Stelle scheint nicht eindeutig markierbar zu sein, wie Gitterlinien bei der Darstellung zeigen. „In der heutigen Zeit, in der Überwachung eine so große Rolle spielt, ist es natürlich schön, dass Google-Maps diesen Punkt nicht findet.“

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Die exakte Stelle der Koordinaten – und somit ihrer Antipode – liegt im nächsten Raum. Eine spiralförmig platzierte Tonnenkette, über der ein an einem senkrechten Faden befestigter Bergkristall schwebt, markiert den Ort. Das ‘Luftlot‘ fortgedacht führt zum gegenüberliegenden Ort im Pazifik. Auch die mögliche Klangwelt am geographischen Gegenüber Karlsruhes wird in der Ausstellung aufgegriffen: U-Boot- und Schiffsgeräusche sowie Meeresrauschen begleiten den Besucher beim Rundgang.

Zwei weitere Bilder zeigen fluide, spiegelverkehrte Formationen der Wetterkarte Süddeutschlands. Die Grenzmarkierungen verschwimmen, werden flüssig, wie es auch die Antipode im Ozean ist: „Grenze, Land, Nation, was ist das jeweils? Gerade im Zuge des Arabischen Frühlings habe ich mich stark mit dieser geopolitischen Thematik befasst“, erklärt Natalia. Die Videoinstallation ‘NOOA‘ im letzten Raum zeigt eine Aufnahme vom Münchner Oktoberfest vom 27.9.2009, dem Tag, an dem eine Terrorwarnung für den Jahrmarkt ausgesprochen wurde. „Es greift die Thematik der Antipode auf, weil es wieder zwei Punkte sind, die bei diesem Fahrgeschäft umeinander kreisen. Das kann man auf die Gesellschaft in Zeiten des Terrors übertragen, die um sich wirbelt und versucht, sich neu zu ordnen“, so Jenny.

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Wie geht es mit ‘Antipodia‘ weiter?
Das von Natalia verfasste und dem Artikel vorangestellte Gedicht verdeutlicht nach Jenny die poetische Sichtweise der Thematik der Verortung und der Verräumlichung und zeigt auf, wie Zeit und Raum philosophisch und künstlerisch zu diskutieren sind: „Dieser antipodische Ort liegt nach unserem Zeitschema zwölf Stunden in der Zukunft und ist unserem Verständnis nach kein richtiger Ort. Das Gedicht greift deshalb ein poetisches Raum-Zeit-Verständnis auf, um das Ganze nicht zu sehr zu technisieren.“ Dennoch ist es für den Fortlauf des Projektes auch wichtig, sich mit spezifischen technischen und geographischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. So ist Natalia mit einem Geophysiker von einem Institut für Meeresphysik in Kontakt, um beispielsweise Genaueres über Berechnungen von nautischen Koordinaten in Erfahrung zu bringen und die Antipode kartographisch markieren zu können.

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Eine spannende Ausstellung mit einem tollen Team, das einen die Reise zur Karlsruher Antipode selbst erleben, aber auch verstehen lässt. Wir sind gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt, ihr könnt es auf der Antipodia-Webseite mitverfolgen!

Wann und wo?
Natalia Schmidt
‘49° 00’02.6″ S 171°35’32.9″ W‘

im Luis Leu
Luisenstraße 32
76137 Karlsruhe

Öffnungszeiten:
So 16–20 Uhr
Di/Do 18–20 Uhr

Finissage:
Sonntag, 03.04.2016
ab 16 Uhr

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