Dark Light
Pascals Leben hat sich in den letzten 12 Monaten ziemlich verändert: Auf einmal macht er mit dem SOUP DU JOUR e.V. sowas wie soziale Arbeit. Er stellt drei Einzelschicksale vor und zeigt den virtuellen Mittelfinger in Richtung Intoleranz. Dem geht’s wohl zu gut.

Ich, Pascal (31, Chiffre-Nr. 777), wohne nunmehr seit fast fünf Jahren in Karlsruhe. In „Karlsruhe Tag und Nacht“ berichte ich von Begebenheiten aus meinem Leben in dieser liebenswürdigen, seltsamen Stadt mit dem Fächer und den Baustellen.

Leider, leider, leider. Es gibt wahnsinnig viel zu bedauern immer. Zum Beispiel, dass ich diese Kolumne fast so gut pflege wie die Hauspflanzen, die meine Mutter mir fortwährend schenkt. Und die dann immer sterben. Damit meine Mutter mir dann wieder neue schenkt. Es ist so ein ewiger Kreislauf wie bei König der Löwen, nur dass hier kein Affenopa ein Löwenkind in die Höhe streckt. Und dass hier keine Löwenväter von Gnus totgetrampelt werden. Es gibt also auch viel zu freuen, zumindest bezogen auf Letzteres.

In meinen letzten beiden Texten ging ich darauf ein, wie ich mich vollkommen ungefährlich infantil mit den Behörden anlegte und wie ich besoffen meinen Schlüssel verlor. Ja, es sind die großen Themen, die ich hier anbringe. Tatsächlich habe ich in den vergangen 12 Monaten irgendwie beschlossen, meine Subversion mehr auf Pimmel-Witze im Alltag zu beschränken und mich vorwiegend mit 3-Euro-50-Havanna-Cola in der Pinte abzuschießen – was einen Heimweg von 100m bedeutet, sodass mein Schlüssel mehr oder weniger in Sicherheit ist. Es gäbe da schon spannende Geschichten zu erzählen – zumindest, wenn ich sie entsprechend ausschmücken würde –  aber tatsächlich gibt es Dinge in meinem Leben, die mir in letzter Zeit wichtiger geworden sind.

Im Februar 2016 habe ich gemeinsam mit Freunden den SOUP DU JOUR e.V. gegründet. Wir machen Essen für alle, zum selbstbestimmten Preis, damit Spießer unspießiger werden und Abgehängte wieder angeschlossen. Das funktioniert mittlerweile auch schon einigermaßen. Zweimal haben wir bisher auf dem Werderplatz unsere Suppenküche aufgebaut, das Publikum war erhofft bunt. Eines Tages, so wünschen wir uns, soll das mal monatlich klappen.

SOUP DU JOUR e.V. vorgestellt bei DASDING.tv.

Wenn man plötzlich sowas wie soziale Arbeit macht, kommt man kaum umhin, sich noch mehr Gedanken über diese schreckliche Welt zu machen. Am 12. Juli 2016 las ich beim „Digitalen Feierabend“ der Netzstrategen auf dem alten Schlachthof einen Aufsatz vor, der unsere vielzitierten First World Problems ansprach und zum Helfen aufforderte. Ebendiesen möchte ich, in gekürzter Fassung, auch hier mal einbringen. Scroll-Baiting-Einwurf: Was im Text danach passiert, wird dich umhauen!

Ich glaube, es geht uns zu gut

Ich habe jetzt eine neue Fernbedienung. Ich kann damit meinen Fernseher steuern, meine Anlage, meine Playstation und ich kann damit sogar Lichter ein- und ausschalten. Wenn ich auf der Couch liege, brauche ich nur noch ein Gerät, um alles zu machen, was ich für mein abendliches Entertainment brauche. Das Beste ist: Wenn sie zu weit weg liegt, kann ich stattdessen auch mein iPhone benutzen. Es gibt für alles eine App.

Gemütlichkeit ist wichtig: Ich habe es mir verdient. Aber was geht eigentlich draußen ab? Wir leben in Karlsruhe in einer Stadt, in der alles immer schön sauber ist. Karlsruhe mit dem schicken Schloss, mit einem der größten Open Airs in ganz Deutschland, mit einem schnieken Kreativen-Viertel im alten Schlachthof, bald haben wir sogar sowas wie ne U-Bahn. Das Street-Food-Festival neulich war auch ganz nice. Nur eine Frage bleibt: Wie viel Pulled Pork soll ich noch fressen, bevor ich kotzen muss?

Es ist ja schon lustig, dass gerade der Werderplatz uns als Szene-Ecke dient. Dort, wo die Junkies hängen. Wir sitzen daneben, essen Schnitzel und trinken noch nen Gin Tonic. Ja, tatsächlich, auch hier gibt es Parallelgesellschaften, es gibt Insider und Outsider. Und ich muss einfach konstatieren, dass der Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied“ schlicht gelogen ist. Niemand reitet sich mit Absicht in die Scheiße. Keiner am Indianerbrunnen sitzt da, weil es so sehr gemütlich ist, sondern weil er sich in der Innenstadt schämen würde.

Rein statistisch gesehen liegt der „von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffene Bevölkerungsanteil“ deutschlandweit bei über 20%. Die 10, 15 Leute am Brunnen sind nur die Spitze des Eisbergs. Klar wird mit dem vielen Geld, das die Bessergestellten dieser Stadt haben, auch viel Gutes getan, aber es wird auch Unangenehmes unsichtbar gemacht. Klar sitzt da keiner bei der Stadt und überlegt wie man hässliche, kranke, süchtige Menschen möglichst gut versteckt. Aber unser ganzes Leben ist am Ende des Tages darauf ausgerichtet, dass wir es uns gemütlich zu machen. Das ist keine Moralpredigt, ich spreche ja von „wir“. Und dann kann ich auch folgendes sagen: Wir müssen was tun!

Wir haben den SOUP DU JOUR e.V. nicht primär gegründet, um Essen zu verteilen, sondern um Parallelgesellschaften wieder zu vereinen. Dafür, dass unterschiedlichste Menschen an einem Tisch sitzen und zusammen essen. Wir wollen zumindest temporär einen Ort schaffen, wo Unterschiede aufgehoben sind, wo keiner reich oder arm ist, gesund oder krank, süchtig oder nicht süchtig. Wir würden uns freuen, wenn ihr euch anschließt, wenn ihr mithelft, wenn ihr Teil davon werdet.

In manchem habe ich mich getäuscht
Tatsächlich habe ich mich in obigem Auszug in manchem getäuscht. Vor allen Dingen darin, dass es keine offiziellen Bestrebungen gäbe, parallele Strukturen zu verstecken. In der Tat gibt es derzeit offensive und obendrein politische Kampagnen, um die Leute vom Indianerbrunnen zu vertreiben. „Suchtkranke tummeln sich dort regelmäßig in größeren Gruppen, verursachen Müll und Lärm, hinterlassen verärgerte und verunsicherte Anwohner“, heißt es in einem Bericht von Baden-TV. „Für die Christdemokraten ist der Platz ein sozialer Brennpunkt“ geht es weiter und man wird ein weiteres Mal gewahr, wieviel Nächstenliebe im C der CDU steckt. „Ein bestimmtes Klientel (sic!) trifft sich hier“, erklärt Unionspolitiker Tilmann Pfannkuch und leitet damit geradewegs über zu einem im Verlauf immer stigmatisierenderen Bericht, der offen Menschen im Bild zeigt, die dort am Brunnen stehen und sie mit dem Sprechertext unumwunden verunglimpft. Im Verlauf wird von tragischen „Einzelschicksalen“ gesprochen und nebenbei erklärt, wie scheißegal Einzelne aber seien, wenn die Masse der Anwohner ja nun in Angst lebe. Es ist nicht so, dass ich die dort lebenden Menschen nicht verstünde. De facto aber zeigt die Situation nur eines auf: Die Nichtbereitschaft zum Dialog, darin zusammengefasst, dass sich ein Politiker, Jahrgang 1953, in die Nähe des Brunnes stellt und so tut, als wüsste er, was da abgeht. Im letzten Jahr habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die zu der genannten „Klientel“ zählen und ich kann sagen: Die dargestellte Realität ist nicht meine Realität. Drei dieser Gespräche möchte ich hier zusammenfassen. Die Namen habe ich geändert, auch weitere identifizierende Daten wurden verkehrt, die Inhalte der Gespräche allerdings sind unverfälscht.

Bei der Suppenküche am 25.2.2017 gab's Kartoffelsuppe von the BLACK DOG Hotdogs.
Bei der Suppenküche am 25.2.2017 gab’s Kartoffelsuppe von the BLACK DOG Hotdogs.

Ein Gespräch mit Jan
Ich treffe Jan beim Flyerverteilen für unsere Suppenküche. Am Ende unseres Gesprächs liegt er mir weinend in den Armen. Jan hat einen graumelierten Hoodie an, der mit irgendetwas Grünem verschmiert ist, er riecht ungünstig und er ist krank. Er hat eine Leber-Zirrhose und zwar im Endstadium. Ich hatte das schon befürchtet, denn erstens hat er eine offensichtliche Gelbsucht, zweitens hat er einen Bauch, wie man ihn nur vom Saufen bekommt. Ich frage ihn, wie lange er noch hätte. Er sagt, er wisse es nicht. Sie nähmen ihn nicht im Krankenhaus an, weil er nicht auf Methadon umsteigen könne oder wolle, immerhin habe er aufgehört zu trinken. Er berichtet von zwei Versuchen einer Ersatztherapie und schildert recht lebhaft physische und psychische Qualen, die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagen. An dieser Stelle würden nun die Brunnen-Gegner aus dem Baden-TV-Beitrag einhaken und erklären, er sei ja selbst schuld, und so weiter, und so fort. Alles, was ich aber gerade sehen kann, ist ein leidender Mann, der noch dazu in meinem Alter ist und mir vor Augen führt, wieviel Glück ich hatte. Irgendwie beschämt mich das. Das Schlimmste sei, fährt er fort, dass seine Mutter derzeit im Sterben läge. Sie habe Krebs, erst schlug die Chemotherapie an, dann kam die Krankheit zurück. Sie habe nur noch wenige Tage bis Wochen. Zu diesem Zeitpunkt rollen die ersten Tränen sein zerfurchtes Gesicht hinunter. Er holt weiter aus: Berichtet von einer Kindheit voller Schläge, von einem trinkenden Vater, von seiner Mutter, die am meisten Dresche bekam. Er saß eine Zeitlang im Knast wegen versuchten Totschlags. Er habe jemanden angeschossen. Er erzählt davon, wie sein Opfer versuchte, ihn zu berauben und wie er „durchgedreht“ sei. Ich möchte wissen, ob er es heute anders machen würde. Er verneint und gerät in Rage. Als ich ihn frage, ob er auch jetzt eine Waffe bei sich trägt, verneint er abermals, und ich bin durchaus etwas erleichtert. Ich bringe das Thema zurück auf seine Mutter und ermutige ihn, ihr in ihren letzten Tagen ein guter Sohn zu sein. Ich sage ihm offen, dass er seine eigene Chance offenbar bereits verwirkt hat, aber dass es immer noch Dinge gibt, die er besser machen, oder wiedergutmachen kann. Da bricht es aus ihm heraus. Er schreit: „Meine Mama, es ist doch meine Mama!“ Er ist fast zwei Köpfe größer als ich, doch er fällt in meine Arme wie ein kleiner Junge. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen und ich befürchte, er hat es nicht weiter geschafft.

Ein Gespräch mit Mara
Mara lerne ich kennen, als wir letztes Jahr im Oktober Vesper-Pakete an verschiedenen sogenannten „Brennpunkten“ verteilen und einfach Zeit mit den Menschen dort verbringen. Mara ist erst 13. Sie ist nicht die einzige Minderjährige, die sich in der Szene herumtreibt. Ein bisschen erinnert sie mich an Bill von Tokio Hotel in deren Anfangszeiten. Ich spreche zunächst mit ihr über ihre Situation zuhause, das möchte man ja wissen, wenn man so jemand junges trifft. Sie parliert munter über den dauerhaften Ärger mit dem Jugendamt, erzählt von ihrem Vater, der „auf H“ und dem „eh alles scheißegal“ ist. Über ihre Mutter verliert sie kein Wort. Sie ist mit ihrem Freund da. Der ist gerade um die Ecke kotzen, weil er irgendeine Substanz nicht vertragen hat. Als er später zu uns stößt, versucht er erst mich anzugehen, weil ich mit seinem Mädchen spreche, ich beschwichtige ihn, dann muss er dringend noch mal weg. Auch er ist noch keine 18. Mara ist ziemlich aufgedreht und äußerst wortgewandt für eine derart junge Person. Sie meint, das käme daher, dass sie schon immer nur mit Älteren rumgehangen habe. Ich möchte wissen, ob ihr in den Kreisen, in denen sie verkehrt, schon mal etwas angetan wurde, ob sie Gewalt, vielleicht sogar sexueller Natur ausgesetzt war. Sie sagt, sie wisse, wie man sich verteidigt und die ältere Männer seien sich bewusst, dass sie sich nicht an eine Minderjährige herantrauen dürften. Das erleichtert mich, trotzdem bin ich stark angekratzt, denn ich weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagt. Ich frage sie, ob sie in Kontakt mit Drogen ist. Sie beginnt schelmisch zu grinsen und fängt an aufzuzählen: „Heroin habe ich ein paarmal probiert, aber das zieht mich zu sehr runter. ‘Pep’ ziehe ich immer, wenn ich mal Geld habe. Pilze haben bei allen gewirkt, nur bei mir nicht.“ Es ging sicher noch weiter, aber ich kannte die Hälfte von dem Zeug eh nicht. Ich frage sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Die ganze Zeit hatte sie ein offenes Lächeln auf den Lippen, aber nun sinken ihre Mundwinkel, wenngleich sie weiter versucht, souverän zu wirken. Sie sagt, dass sie nur hoffe, nicht wieder aus Karlsruhe weg zu müssen, zu irgendeiner Familie oder in ein Heim. Sie erzählt mir von Episoden, in denen sie „weggebracht“ wurde und einfach so lange Scheiße gebaut habe, bis man sie nicht mehr ertragen habe. Und sie erklärt mir ihre Liebe zu ihrem kotzenden Freund, dass er halt alles sei, was sie habe, dass er gut zu ihr sei. Als es ihm wieder bessergeht, ziehen die beiden von Dannen. Sie verabschiedet sich, küsst mich ohne Ankündigung auf die Backe und gibt mir schließlich noch ihre Handynummer. Ich solle sie anrufen, wenn wir Hilfe bei SOUP DU JOUR brauchten, „beim Kochen oder so“. Erreicht habe ich sie leider nie.

Ein Gespräch mit Lina
Plötzlich, wirklich aus dem Nichts, kommt Lina angerannt und umarmt mich. Ich stehe einfach so rum, irgendwie hatte sie mich ausgemacht. Sie ist nicht ungepflegt, auch ihre Kleidung erweckt keinen schlampigen Eindruck, sie hat aber Herpesbläschen um den ganzen Mund. Sie ist etwas jünger als ich, hat blondes langes Haar. „Danke für das, was ihr da macht“, sagt sie, es sei so wichtig, dass wir nicht nur Essen brächten, sondern auch mit „den Leuten“ sprächen. Sie benutzt immer den Begriff „die Leute“, versucht sich abzugrenzen und erklärt auch, dass sie ja nur hin und wieder mit „den Leuten“ rumhänge, wegen alter Freundschaften und so. Das machen tatsächlich viele, erstmal grundlos rechtfertigen und betonen, dass sie nicht zu der Gruppe gehören, aus der sie gerade herausgetreten sind. Man kann es nicht verdenken, Stigma und so. Sie setzt zu einem langen Monolog an, der im Verlauf immer trauriger wird. Sie erzählt, dass gerade die Zeit um den Jahreswechsel sehr hart war. „Wir haben neun Leute verloren“, meint sie. Manche durch die Drogen, andere durch die Kälte. Die Zahl kommt mir ein bisschen hoch vor, ich würde aus Sensationalitätsgründen sicher übertreiben, aber ich lasse das mal so stehen. Man hört immer wieder, dass viele Menschen dort aus dem Leben treten. Ein anderer Gesprächspartner benutzte mal den Begriff „wegsterben“. Ihre Rede ist eine Trauerrede, sie erwähnt Einzelpersonen, charakterisiert sie, lässt wissen, was sie an ihnen schätzte. Bei jedem Namen hoffe ich, dass ich die Person nicht kenne, was irgendwie seltsam egoistisch ist. Sie drückt mich noch einmal, rennt zurück zu den anderen und ruft „da drüben gibt’s Suppe”. Nur wenige folgen ihrem Aufruf. Ein ziemlich betrunkener Mann meint zu mir, er habe leider kein Geschirr. Ich sage, dass wir bei der Suppenausgabe Schüsseln hätten. Er aber erklärt, er habe auch zuhause kein Geschirr. Er hatte gedacht, die Suppe sei zum Mitnehmen. Ich packe ihm eine Tüte mit ein paar Papptellern und Besteck, außerdem bekommt er Suppe in einem Gefrierbeutel für zuhause. Lina ist schon weg, als ich zurückkomme.

Die BNN berichteten über die Suppenküchen im Dezember und Februar.
Die BNN berichteten über die Suppenküchen im Dezember ’16 und Februar ’17.

Stell dir vor, es ginge dir so
Diese drei Begebenheiten und auch weitere, die ich hier nun nicht auffächern konnte oder wollte, haben schon etwas mit mir gemacht. Ich bin wirklich kein Fan von überpathetischem Gelaber, aber solche Dinge gehen einfach unter die Haut. Da kannste machen, was du willst. Außer du bist halt einer von diesen Menschen aus dem Baden-TV-Video, die Lärm und Müll mehr interessieren als das Befinden anderer Menschen. Nur einmal abstrahiert, nur einmal kurz gedacht „scheiße, wenn ich mir vorstelle, das wäre ich“ und so viele Gräben würden auf der Stelle gefüllt.

Wenn du unseren Verein unterstützen möchtest, nicht zwingend als jemand, der den Kontakt nach außen sucht, sondern auch als Koch oder Köchin, als Kistenschlepper/in oder vielleicht einfach finanziell, dann schreib mir doch eine E-Mail an pascal@soup-du-jour.de.

4 comments
  1. Hallo Pascal, ich war bei dem CDU-Treffen auf dem Werderplatz dabei. Ich kann nur aus meiner Sicht sagen, dass ich den Eindruck hatte, die CDU wollte natürlich mit dem Treffen und dem Thema die Öffentlichkeit polarisieren, aber sie hat es nicht geschafft. Keiner der Anwohner, selbst nicht die älteren Herrschaften, die sich zu Wort gemeldet haben, wollen die Leute vertreiben. Keiner hat die Brunnen-Leute diffamiert oder beschimpft. Alle haben Verständnis für die Situation der Menschen. Es wurde von den Angriffen und Pöbeleien erzählt, denen man als Passant ausgesetzt ist, wenn man den Brunnen passiert und dass sich ältere Frauen nicht mehr auf den Platz trauen und Angst haben. Und bei entsprechender Wetterlage und Tagen (z.B. Metadon-Ausgabe in der Werderstr.) sind am Brunnen nicht 10-15 Leute, sondern 40-50!! Aber selbst die Polizei hat cool reagiert und hat gesagt, sie kann nichts machen, wenn die Leute nichts machen außer rumstehen. Die meisten Handgreiflichkeiten (z.B. Messerstecherei) würden untereinander ausgetragen, und zwar nicht von den Junkies, sondern von denen die dort Fussel trinken. Alle haben gefordert, dass unbedingt ein Drück-Raum für die Junkies eingerichtet werden muss, dass gegen Vermieter und die Überbelegung von Wohnungen und Häusern eingeschritten werden muss (5 Matratzen in einem Kellerraum, verfallende Häuser mit undichten Dächern, keine ausreichende sanitäre Versorgung) und neue Treffpunkte (Rathaus-West, Europaplatz und Bahnhof wurden “gesäubert”) sollen eingerichtet werden. Die Stadt bekommt also auch von der Öffentlichkeit Druck, sich dort für die Leute einzusetzen und etwas zu machen. Für die Stadt ist der Brunnen nämlich eine sehr billige Lösung mit den Problemen der Meschen dort umzugehen, gerade auch weil alle in der Südstadt so tolerant sind. Der Streetworker aus dem Film berichtete auch, dass die Leute extra aus der Umgebung zum Werderplatz kommen, um dort abzuhängen und sich dort wahrscheinlich auch entsprechende Drogen besorgen. Drogen-Tourismus sozusagen. Der Platz wird eben von einer Gruppe maßgeblich dominiert und als Revier beansprucht, die leider wenig Rücksicht auf Kinder oder ältere und schwache Menschen nimmt. Das ist doch auch nicht ok, oder? Wir können jetzt weiter Einzelschicksale vergleichen und bewerten, z.B. Witwerin, die seit 50 Jahren in der Südstadt wohnt, ihre Altersversorge ist ein Haus am Werderplatz, sie bekommt es nicht verkauft, wegen der Situation am Werderplatz und sie weiß auch nicht wie sie demnächst über die Runden kommen soll, falls sie zum Pflegefall wird. Klar, ist nicht so schlimm wie ein Brunnen-Schicksal. Aber was machen wir hier? Beurteilen, welches Schicksal am meisten Mitleid verdient? Das ist doch bescheuert. Fakt ist, dass die Leute in der Südstadt extrem tolerant sind. Und Fakt ist, dass sich die Brunnen-Leute manchmal echt nicht benehmen können. Und einen gewissen Anstand gegenüber deinen Mitmenschen setze ich für ein freundliches Miteinander voraus.

  2. Liebe Eva,
    ich kann mit dem meisten in deinem Kommentar konform gehen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Lage am Werderplatz schwierig ist und empfinde es genau wie du: Es muss ein geregeltes Miteinander geben, dass angemessenen Umgangsformen unterworfen ist. Ich habe mich in meinem Text explizit auf die Berichterstattung und vor allem den Auftritt von Herrn Pfannkuch bezogen, der sich da als Speerspitze einer angeblichen Anti-Bewegung positioniert, während man ihm ansieht, dass er von der Südstadt keinen Peil hat.
    Ich will auch wirklich keine Einzelschicksale vergleichen. Wenn ich sagen würde “Menschen, die es schwerer haben, müssen besser behandelt wären”, wäre das das gleiche wie “positiver Rassismus”. Ich bin für eine Gleichbehandlung aller und auch aus allen Richtungen. Ich habe hier einfach nir berichtet, was ich erlebt habe – und das zugegeben auch ein bisschen populistisch, eben als Gegenansage zum Baden-TV-Beitrag. Wenn wir mit den Leuten vom Brunnen reden, versuchen wir Offenheit und Fairness vorzuleben und hoffen, dass das einen Einfluss auf alle Parteien hat, sodass sich das Miteinander am Werderplatz ganz allgemein bessert.
    Es tut mir leid, wenn du dich negativ angesprochen gefühlt hast. Ich kann dir nur sagen: DU warst nicht gemeint!
    Liebe Grüße,
    Pascal

  3. Ich glaube die Manieren im Sinne von “Was du nicht willst, das man dir tut …” fehlen uns allen hin und wieder 😉

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