Dark Light
Pascal blickt auf 2015 zurück, berichtet von 3 besonderen Erlebnissen – es geht um Schnaps und Bier, Freundschaft, Bruderschaftspinkeln, Küsse und Krankenhausaufenthalte – und freut sich über seine nun auch so empfundene Heimat: Karlsruhe.

Ich, Pascal (30, Chiffre-Nr. 777), wohne nunmehr seit fast vier Jahren in Karlsruhe. In „Karlsruhe Tag und Nacht“ berichte ich von Begebenheiten aus meinem Leben in dieser liebenswürdigen, seltsamen Stadt mit dem Fächer und den Baustellen.

Weihnachten ist vorbei, wir wurden beschenkt, wir haben geschenkt. Wir haben unsere Familien gesehen und uns daraufhin gestritten. Wir haben viel gegessen, wir haben viel getrunken. Und eines wurde von uns bei all dem erwartet: Wir sollten besinnlich sein. Süßer – schließlich – die Glocken nie klingen. Da kann man schon mal den Softie rauskramen, wenn der nicht allzu verschüttet liegt, vom vorhergegangenen Jahr. Von der vielen Arbeit, von den Exzessen, von den Filmrissen und auch von den Verletzungen, die uns 2015 mal wieder den Atem geraubt haben. Ich persönlich habe das Glück und Pech der geballten Ladung: am 30. Dezember jährt sich meine Geburt und so wird die Weihnachtsfolgewoche zur Pegelwoche, in der ich von Spaß zu Spaß renne. Heiligabend: Club. Erster Feiertag: Kater. Zweiter Feiertag: Treffen mit alten Freunden. Am 27. wieder Kater. Am 28. langsam diese unterschwellige Aufregung hinsichtlich des folgenden Mittelpunktzustands. Am 29. Reinfeiern, am 30. mit den Eltern, an Silvester Abrissparty. Das alles kostet Geld und Nerven wie Sau, lässt den Leberwert nach oben klettern und bringt alles in allem wahnsinnig durcheinander. Vor allem, wenn man – wie ich diesmal – 30 wird. Bis die Besinnlichkeit nach dieser riesigen Jahresendparty endlich einmal die harte Schale aus Tanzschweiß und Alkoholgeruch durchdringt, ist es meist schon ein paar gute Tage lang Januar. Und dann kommt der Absturz nach hinten raus.

Man denkt über das Leben nach. Und man ärgert sich über diese deepe Scheiße, die einem die Seele, oder whatever, da wieder zwischen die Synapsen rotzt. Besinnlichkeit wird wahnsinnig fix zu Wehmut. Über verlorene Freundschaften, über verlorene Lieben, und wenn man dann nun offiziell diesen Stempel trägt, der mit der 3 beginnt und einem das vermeintliche Erwachsensein ins Fleisch tätowiert, über die verpassten Chancen. Über das große Scheitern eines nicht mehr ganz jungen Lebens. Besinnlichkeit wird wahnsinnig fix zu Depression. Und dann muss man aufpassen nicht abzurutschen und sich vor Augen zu halten, wo das Leben seinen Sinn zeigt. Ich leide mein Leben lang schon unter einer Art Midlife-Crisis. Weil ich gleichermaßen neurotisch wie fleißig jederzeit mit dem Ende rechne. Freud und Leid sind bei mir immer nur wenige Meter voneinander entfernt. Als hätte dieser Herr Goethe mir das Motiv des himmelhoch jauchzend zu Tode Betrübten auf den Leib geschneidert. Wenn du bis hier her gelesen hast, und kurz davor bist einen Kommentar zu tippen, in welchem du dich beschwerst, dass der Pascal bloß rumheult, statt die Kalauer zu droppen, dann gedulde dich bitte noch ein bisschen. Denn dieser Witzautomat braucht mitunter ein wenig Zeit zur Selbstwartung. Und das eben immer dann, wenn das Jahr zu Ende geht und ein anderes beginnt. Als könnte es klischeehafter nicht sein.

Bevor ich hier zu einer von mir überaus gehassten Julia Engelmann mutiere, möchte ich aufhören zu jammern. Eines Tages werden wir alt sein Baby, und dann immer noch Trinken und Kiffen, auf Konzerten stehen, zwischen lauter Kids die uns alte Säcke belächeln. Aber wir werden glücklich sein. Das Verpasste ist doch nichts weiter als eine Wahrnehmungssache. Und wenn ich das Bier ansetze, dann trinke ich es in einem Zug halb voll, nicht halb leer, verdammt. Wir beschissenen, studierten Kulturinteressierten, denken immer das Leben sei so philosophisch, dabei ist es doch recht einfach, lässt man die Komplexität des Seins einmal beiseite. So soll es sein. Und daher möchte ich nun drei Begebenheiten der Freude schildern, die mich 2015 ereilt und gepackt haben. Drei Situationen, in denen mein Hang zur Melancholie einmal so ganz verstummte, als ich das Leben feierte. Und zwar nicht nach den Maßstäben dieses kurzsichtigen YOLO-Gedankens, sondern in seiner Gänze.

Pinkelbrüder

Juni 2015. Es ist heiß, verdammt heiß. Aber meine neue Karre, die hat Klima. Erstmals nach 2er Polo und 3er Golf fahre ich ein Auto mit Extras. Trotzdem war es billig und schaut eher nach 1,60, blond, weiblich als nach 1,90, kahlköpfig, männlich aus. Aber Luxus ist es bereits immer dann, wenn ein gewohnter Zustand gesteigert wird. Vom Donnerbalken aufs Wasserklosett, von den Chucks in die Boots, wenn es schneit – das ist Luxus. An schicke Uhren, oder Fahrzeuge mit Pferden, Wildkatzen oder Sternen am Kühler ist dabei erstmal gar nicht zu denken. Mein Leben ist ohne V8 und Sportauspuff luxuriös genug. Und diese Klimaanlage, Verzeihung -automatik, sie gereicht mir zum Frohlocken. Unabhängig von der Vollausstattung meines zehnjährigen Citroens, folgte ich dem Aufruf eines befreundeten, ähnlich übergewichtigen Fotografen, der zufällig auch aus Karlsruhe kommt und der wohl beste Konzertfotograf ist, den es gibt. Auf geht es nach Amsterdam, wo THC-Öl und Heineken fließen. Um ein Konzert zu besuchen. Das einer Band, die ich liebe, schon seit langem. Ich bin in Feierlaune, auch wenn ich mir in der Halle angekommen anfangs ein wenig Sorgen über meine neuen weißen Turnschuhe mache. Aus Versehen grüße ich zu deutsch und werde enttarnt. Die Käsköppe mögen zwar keine Krauts, aber durch ein paar extravagante Sprachmoves, werde ich zum Freund des grimmigen Türstehers – wobei wohl auch dieses grelle Band an meinem linken Arm ihn von meinem VIP-Status überzeugt hatte. Er lacht mich künftig bei jedem Aus- und Wiedereintritt vor und nach der nächsten Kippe freundlich an. Gut, wenn man solche Kolosse auf seiner Seite hat.

© Paul Gärtner (paulgärtner.com)
© Paul Gärtner (paulgärtner.com)

Die Band spielt auf. Das Publikum ist textsicher. Ist ja alles auf Englisch. Das kann man in einem Land ohne eigene Filmsynchronfassungen freilich gut. Der Fotopaul wirft sich ins Getümmel, auch unsere Begleitung ergibt sich dem Pogo. Ich bin zu cool dafür und brauche die Nähe zum Bierstand wie ein Kitz die Rehmama. Es folgt eine dieser Szenen, wenn eine Band das Publikum zum mitmachen animiert. Alle in die Knie! Ich trage Skinny-Jeans trotz dicker Wadeln und die Hose reißt im Schritt, reißt bis zum Knie. Ich trage eine hellblaue Buchse mit dunkelblauen Fischen drauf, wie fortan für jeden zu sehen ist. Zwischen Konzert und Backstage langt mir eine offenherzige Blondine ungefragt in das entstandene Loch, greift zu und zwinkert erstaunt. Zwar bin ich ein großer Freund von Penis-Fremdhand-Kontakten, doch die redselige Dame nervt allzu sehr. Ich lasse mir ihre Nummer aufschwatzen und begebe mich mit Fotokumpel und Anhang in den Backstage-Bereich, der unter offenem Himmel an einer dieser vielen Grachten liegt. Die Band isst Pizza. Ein Vogel kackt den Sänger an. Allgemeines Hahaha und kostenfreies Bier: Ein guter Abend, also schon bis jetzt. Plötzlich Jack Daniels. Mit Cola. Plörre, aber wirkt. Und ich ergebe mich dem Ruf des Rauschs, so freiwillig wie ein frustrierter Mittvierziger dem Gnadenfick. Die Partyrakete, sie startet. Sie startet so wie immer Kindergarten, wenn alle Kinder erst mit den Fingern tippeln, dann mit der flachen Hand auf die Schenkeln batschen, dann mit den Füßen stampfen und schließlich Richtung Decke hüpfen. Ich werde peinlich. Zumindest dem Fotofreund. Er versucht mich aufzuhalten, aber ich marschiere schnurstracks auf den Bassisten der Band zu und erkläre mich, erkläre, wer ich bin. Wir kommen ins Gespräch. Über Musik, über HipHop. Es ist kein weiter Weg von Advanced Chemistry bis zu Zulu Soundsystem, dafür ein ungleich längerer von der Antilopen Gang bis zu Marusha. Die Techno-Veteranin teilt sich ein Fitnissstudio mit meiner neuen Bekanntschaft, legt seltsame Ansichten an den Tag. Wir sprechen über Deutschtum, über den neuen Rechtspopulismus und –extremismus, thematisieren wo und wie eine Band politisch sein kann und muss. Und wir rauchen. Wir rauchen, rauchen, rauchen. Kette. Mein Päckchen ist leer, fortan gehört das des Bassisten uns beiden, er offeriert es mehr als freundlich. Wir trinken Bier, wir trinken Schnaps, wir stehen noch immer an der gleichen Stelle. Ich muss pinkeln, er auch. Wir gehen an einen Baum. Dieser Baum, mitten in der Stadt Amsterdams wird Zeuge einer Transformation. Aus gerade noch Unbekannten, werden Pinkelbrüder. Gleichzeitig und mit flotten Strahl düngen wir das ältliche Eichengeäst. Ich bitte meinen neuen Freund um ein gemeinsames Video, um die Leser von Plattentests.de, wo ich in der Chefredaktion sitze, zu grüßen. Natürlich machen wir das. Natürlich sieht man uns die Bierlaune an der Nasenspitze an, natürlich haben wir danach noch etliche Schnäpse hinuntergestürzt. Dieses Video ist das Zeugnis eines Augenblicks, wo Normalität und Fame verschmolzen, wo zwei Buben gleiches teilten und ihre Schwänze nicht zum Vergleich, sondern zum gemeinsamen Pipimachen herausholten. Wir halten seither Kontakt.

Ein Parkbankschwank

Der Leopoldplatz unweit des Kaiserplatzes in der westlichen Karlsruher Innenstadt ist Schauplatz für so einiges, sehr sehr unterschiedliches. Tagsüber tollen die Schüler der anliegenden Lehranstalt auf dem Platz, verwenden eine komische neumodische Wippe und ein Ein-Mann-Karussel zur kindlichen Zerstreuung. Das Bio-Restaurant an der Ecke hat ein paar Tischgarnituren hier platziert, die zumindest im Sommer wirtschaftlich für das Restaurant und zur Erholung für dessen Gäste interessant sind. Und nachts verkehren in der Regel Halbstarke auf dem Platz. Es riecht regelmäßig ziemlich grün, man vernimmt Haftbefehl, Genetikk und SSIO im Vorbeigehen. Gepöbelt wird dabei nie. Dafür haben die Kids viel zu viel Angst beim Kiffen erwischt zu werden. Wenn man nicht daheim rauchen kann, weil, ja weil eben auch die Eltern dort wohnen, würde ich mich wohl eher in die Klotze begeben, aber jeder wie er mag. Vielleicht ist es dort eben auch zu dunkel, wenn doch mal ein kleiner Angstschub von der Skunk-Inhalation begleitet wird. Jedenfalls, der Leopoldplatz, er liegt genau gegenüber vom gelben Eckgebäudekomplex, in welchem ich den Großteil meines Daseins friste. Am Ende dieser Geschichte werden wir wieder hier landen, doch zunächst mache ich mich auf um im Commodore Room eine weitere Happy Hour zu erleben, mir mit „Booze“, wie Commodore Craig stets zu sagen pflegt, den Behälter hinter der Binde wieder aufzufüllen. Cocktails sind schon eine feine Sache. Man verbindet das Angenehme mit den Nützlichen. Soll heißen, wenn der Alk schmeckt, dann fließt er auch besser. Meine Freunde Matthias und Astrid sind müde, ich bin hyperaktiv. Ich überrede die beiden zur Einkehr ins nicht weit entfernte Jean-Claude. Nirgendwo trifft Pöbel so schön auf Bildungsbürgertum wie hier. Da bestellt der eine einen Wodka-Bull wie er gerade am Spielautomaten sitzt, und der andere wählt einen 15-Euro-Gin-Tonic von der Karte. Und man kann rauchen. Das sei einmal als Killerfeature der Lokalität genannt. An der Bar ist Dinah stets schlecht gelaunt, aber richtig angesprochen doch immer freundlich. Olli schlichtet Streits unter prolligen Besuchern aus dem ehemaligen Jugoslawien (Olli ist selbst von dort) und mörsert zwischendurch Basilikum. Rundum schön da. Und eben nicht so elitär wie in anderen Schluckhöllen. Hier sind Eckkneipe und Cocktail-Bar ganz nah beieinander.

Ich will Chartreuse. Ich will immer Chartreuse. Das ist gesund und das wirkt. Matthias und Astrid wollen nicht. Ich übe Zwang aus. Trinkt, Kinderlein. Ich fange an zu singen: „Wie ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt“, bevor ich beginne auf rußigen Dächern, zwischen lauter Schornsteinen einen choreografierten Tanz aufzuführen. In Gedanken zumindest. Schluck schluck schluck, weg mit dem grünen Lebenselixier. Astrid stiehlt sich unbemerkt hinfort, Matthias muss zur Bahn. Ich bleibe allein sitzen und trinke noch eine Cola, weil ich merke, dass der Klimax naht und ich das unterbinden möchte. Mir fällt ein, dass ich nicht mehr allein in Bars abhängen wollte und entschließe nach Hause zu gehen. Ich steige auf mein Rad und fahre zurück in Richtung Leopoldstraße. Ich stehe vor der türkisen Eingangstür des großen Hauses, in dem ich lebe und bemerke voller Schreck den Verlust meines Schlüssels. Ich schreibe Matthias eine Nachricht und fahre die zurückgelegte Strecke noch einmal ab. Ich frage im Jean-Claude nach, ich suche auf dem Pflaster vor dessen Eingang und finde nichts. Also wieder heim und erstmal überlegen. Dort angekommen klingelt mein Handy. „Alles gehört dir / Eine Welt aus Papier / Alles explodiert / Kein Wille triumphiert“ tönt es aus dem Apparat. Es ist Matthias. Ich nehme erst einmal nicht ab, denn vom Leopoldplatz ruft eine Stimme. „Tocotronic als Klingelton, wa?“ Ich negiere, schließlich ist es die von Dendemann gesampelte Textzeile aus dem Song „Papierkrieg“. Zwei jüngliche Gestalten, einer blond, einer braunhaarig stehen da auf dem Leopoldplatz. Wie ein moderenes Max-und-Moritz-Gespann, der Pubertät entronnen, nun Mitte 20. Der Braune trägt Mütze, der andere Undercut und einen auffäligen schwarzen Mantel. Man könnte schon das böse H-Wort gebrauchen, und dabei nicht Hitler meinen, sondern vom Berliner Regierungsviertel nach Friedrichshain wandern. Rein sprachlich jetzt. Die beiden erklärten sie seien Designstudenten an der Hochschule für Gestaltung. Das sähe man ihnen an, erkläre ich und meine das voller Wertschätzung. Es folgt eine Episode der Veneblung. Ich weiß nur, dass ich viel über mich geredet habe und dass der Braune und ich uns einen kleinen Poetry-Slam lieferten, in welchem ich mein berühmtes Durchfallgedicht mit dem klangvollen Namen „Zentrifugalspaß 2.0“ rezitiere.

Yippie yeah, ab damit!
Geradeaus ist ein Relikt,
heut’ gilt das Rotationsprinzip.
Kannst es drehen und wenden,
es bleibt der Fliehkraftsieg.

Flug im Gange,
Gradwanderung Übelkeit.
Zu spät, Hosenpudding.
Alarm in der Waschküche,
brauner Kleister mit Geruchsfaktor 10.

Spaßbremse Sprühwurst!

Schließlich wird endlich die Pizza geliefert. What? Ja, ich hatte irgendwann eine Pizza bestellt. Da ich nicht in der Wohnung bin, klingelt erneut mein Handy: „Alles gehört dir…“ Angekarrt werden eine Pizza Tonno e Cipolla und Spaghetti Bolognese. Wir haben kein Besteck, logisch, aber machen uns gemeinsam über die Pizza her. Wieder klingelt mein Handy. Es ist meine Mutter, die ich irgendwann angerufen hatte, um sie wegen des Ersatzschlüssels zu fragen. Es ist mittlerweile 5 Uhr morgens. Ich erkläre ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, ich hätte neue Freunde gefunden und werde auf dem Platz schlafen. Tatsächlich hatten wir zu dritt in der Zwischenzeit viel gelacht und uns immer besser verstanden. Die beiden bieten mir an, noch mal alles nach meinem Schlüssel abzusuchen. Im Trio machen wir uns auf den Weg, doch auch auf diese Weise können wir nichts finden. Wir verabschieden uns. Die Boys wollen nach Hause. Ich gehe zurück zum Leopoldplatz und meinen Spaghetti Bolognese. Ungünstiger Weise habe ich mittlerweile auch mein Feuerzeug verloren, gleichwohl ich längst wieder nüchtern bin. Oder zumindest klar. Zwei Mädels laufen vorbei, ich bitte um die Entzündung meiner Kippe. Sie fragen mich, was ich hier täte und ich berichte von meiner Misere. Auch hier wieder, eine blond, eine braunhaarig, wobei ich ein Auge auf erstere warf. Während die Braunhaarige in dieser Bücher-Telefonzelle verschwindet, die auch hier auf dem Leopoldplatz steht, beginne ich mit verschiedensten Männlichkeitsritualen die Blonde auf mich aufmerksam zu machen. Es klappt, wir knutschen. Nicht wild und speichellastig, aber schon so mit Zunge. Sie gibt mir von ihrer Freundin unbemerkt ihre Nummer, die ich leider, man ahnt es, verlieren sollte. Auch die beiden verlassen mich schließlich. Mein Handy klingelt eines weiteres Mal. Es ist meine Schwester, die aus Pforzheim anfahren möchte, um mir den Ersatzschlüssel zu bringen. Ich danke ausführlichst und lege mich auf eine Bank. Ich schlummere, bis meine Schwester mich wachrüttelt und ich endlich wieder in meine Wohnung kann. Dort esse ich die Spaghetti und falle ins Bett. Aber natürlich mit Zähne geputzt. Diesen Geschmack am nächsten Morgen ist keine Faulheit der Welt wert. Es ist halb 9.

Was habe ich aus all dem gelernt? Nicht viel. Nur, dass eine Nacht so vieles zu erleben bereithält und dass Offenheit immer das beste Mittel ist, um mit anderen klarzukommen, um Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen. Die beiden Jungs und ich haben nunmehr eine Chat-Gruppe, in der wir uns nachts auf dem Leopoldplatz verabreden. Es klappt zwar nie, aber wir versuchen es unablässig. Letztlich aber lässt sich so eine epische Nacht zwischen Sorge und Freude nicht regenerieren, sondern einzig der Zufall bietet Möglichkeiten wie diese. Und wenn der Kater am nächsten Tag einem die Reue in die Glieder treibt, so bleibt dann doch ein Lächeln im Gesicht.

Den Arsch offen

Ich bin gar nicht so oft betrunken, wie es erscheinen mag. Tatsächlich habe ich kein Alkoholproblem. Das Problem ist viel mehr, dass man einfach nicht überall was zu saufen bekommt. Spaß beiseite, man muss Feste feiern, wie sie fallen. Aber im echten Leben bin ich ein seriöser Arbeiter, der Geld verdient und auch verdienen muss, um zu schlafen und um zu essen. Ich bin selbstständig, d.h. wenn ich keinen Alltag einhalte, wenn ich keine Aufträge ranschaffe und diese auch mit gleichbleibender Qualität abarbeite, dann habe ich ein immenses Problem. Disziplin versus Exzess, das ist immer so eine Sache, auch wenn man häufig von zuhause aus arbeitet. Mir gelingt das meist recht gut und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Wenn ich aber feiere, dann feiere ich. Zwei Zustände also: Schnaps und Dienst. Es gibt aber noch diesen einen dritten, den keiner mag: Krankheit. Vor allem dann nicht, wenn Schnaps anstünde. Als ich letzten September nach Hamburg fuhr, um das Reeperbahnfestival zu besuchen zwickte es schon ein wenig unten links im Bauch. Das aber war nicht weiter beachtenswert, meinte ich. Schließlich angekommen, und eingecheckt im Hotel wurde es schlimmer. So schlimm, dass ich die Nacht lang gekrümmt wachlag. Am Morgen dann hatte ich noch einen Skype-Anruf, Neudeutsch „Call“ und versuchte mein bestens dem Kunden gegenüber nicht bemerkbar werden zu lassen, wie schlecht es mir ging. Direkt danach zog ich mich dem Hamburger Wind angemessen an und marschierte zur nächstgelegen Apotheke. „Sie sehen scheiße aus“, sagte die Pharmazeutin wörtlich zu mir. 40 Grad Fieber maß sie. Ab ins Krankenhaus also. Nach acht Stunden des Sitzens, Kontrastmitteltrinkens und etlichen Wegen durch die Irrgänge der Heilanstalt stand die Diagnose fest: Sigmadivertikulitis. Klingt erstmal recht nett, ist aber böse: In meinem Darm hatten sich Taschen gebildet, die sich damit füllen, womit der Darm sich eben füllt und dann entzünden können. So geschah es hier.

Noch zwei Tage bis zum Festival, ich dachte das schaffe ich, aber weit gefehlt. Sieben Tage musste ich liegen. Ich bekam Einläufe von hübschen Krankenschwestern. „Das ist für uns beide scheiße“, pflegte ich irgendwann zu sagen, wenn die Pflegekraft wieder mit dem Schlauch ankam. Der erste Zimmernachbar war super. Ein richtiger Hanseat. Der Nils aus Wedel. So stellte er sich vor. Er hatte plötzlich einseitig das Augenlicht verloren, aber blieb gelassen. In 60 Jahren hätte er ja schon vieles erlebt und schließlich habe er ja noch ein Auge. Das zweite konnten die Ärzte nicht wiederherstellen. Ein Aneurisma im Sehnerv ließ diesen absterben. Nils lief ständig gegen alles möfliche, hatte Probleme mit dem Gleichgewicht, aber er witzelte, dass er ja irgendwann wisse, wo die Hindernisse stehen. Als er entlassen wurde, folgte ein anderer Kerl, dem ich freundlich begegnete und fragte, wie es ihm denn gehe. „Was soll die Frage, ich habe Darmkrebs“, fauchte er mich an. Das war zu viel des Guten für mich. Ich bat um ein Einzelzimmer, schließlich ging es auch mir eher mittel und ich konnte ferner kaum ertragen, wie der Mann regelmäßig seine Frau und Kinder ankackte. Ich bekam das Zimmer neben einem Demenzkranken, der unablässig nach seiner Mama rief – Tag und Nacht. Ich hatte gerade das neue Wanda-Album bemustert bekommen und freute mich darüber, dass die Platte meine Kopfhörer so gut füllte und das Geschrei zu überdecken vermochte.

Das Reeperbahnfestival lief bereits, und es schwand die Hoffnung, noch ein Konzert sehen zu können. Es war eine große Herausforderung für mich positiv zu bleiben. Ich war ganz allein in Hamburg, in einem Krankenhaus, in welchem offenbar fast nur Irre lagen und die Sache mit dem Schlauch im Po plus der unablässig tropfende Antibiotika-Tropf machten die Sache nicht besser. Ich freute mich vor allen Dingen auf eines: Auf zuhause. Nun muss man wissen, dass ich Hamburg gern als meine zweite Heimat bezeichne. Hamburg mit seiner Hafenromantik, mit dem Stil und Unstil auf den Kiez und der Schanze bedeuten mir eine Menge. Meine erste Heimat ist wohlgemerkt nicht Karlsruhe, sondern Nürnberg. Dort wo ich aufwuchs und geboren wurde. Wo die Menschen harsch fränkeln, statt singend das Badische auszupacken. Zumindest war meine Heimatverteilung bis dahin so geregelt. Doch nun fehlte mir auf einmal Karlsruhe. Das überschaubare, bekannte, ganz sichere. Dort wo ich unbedarft durch die Straßen lustwandeln kann, wo ich die Leute kenne, wo ich auf Parkbänken vor meinem Haus schlafe und keine Angst habe. Als wir nach meiner Entlassung zwei Tage nach dem Festival auf der Autobahn Bruchsal passierten, war ich ganz aufgeregt. Als wir auf die Südtangente abfuhren ereilte dieses Endlich-daheim-Gefühl, was ich zuletzt als Kind gefühlt hatte. Als ich in mein Bett fiel war ich es plötzlich: zuhause. In meiner Heimat. In dieser Stadt, die ich mittlerweile wirklich liebe und in der ich noch ein Weilchen bleiben mag. Dieses Gefühl des Zuhause-Seins, es ist mein Gefühl 2015.

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