Nicht denken. MACHEN!

Wer will das nicht: partizipative Kunst schaffen, ein junges Modelabel betreiben, in einem Kunstprojekt wohnen und – ach ja – noch als Model arbeiten? Und wer macht’s? Mathias Lempart. Der junge Karlsruher wohnt seit Anfang des Jahres in Dortmund und in dem Kunstprojekt „2-3 Straßen“. Bei der Ausstellung von Jochen Gerz in drei typischen Straßen des Ruhrgebiets, wohnen 78 Personen aus aller Welt munter durchgemischt und mietfrei in sanierten Wohnungen. Nur eine Gegenleistung wird erwartet: das tägliche Mitschreiben an einem Buch, das nach einem Jahr veröffentlicht werden soll. Dokumentiert wird das Leben in der Straße aus verschiedenen Blickwinkeln. Denn jeder nimmt seine Umgebung anders wahr. Die Autorenriege besteht aus den alten Mietern der Straße, den zugezogenen Projektteilnehmern und den Besuchern des Kunstprojekts. Zudem Entsteht durch die enge Art des Zusammenlebens eine besondere Art der Kreativität und Zusammenarbeit. Man entdeckt eigene Potenziale und baut sie in der Gemeinschaft aus. Dies spiegelt sich im Klamottenlabel „Matistage“ von Mathias Lempart wider. Der auf 10 Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Im November auch in einem Kunstprojekt in der Kulturhauptstadt Istanbul.

Was und wie er das macht stellt Mathias Lempart heute in einem Interview vor.


Fangen wir provokant an: Wer bist denn Du eigentlich?
Ich heiße Mathias Lempart und bin in Karlsruhe aufgewachsen. Dort habe ich 19 Jahre verbracht und mich dann für das Kunstprojekt 2-3 Straßen beworben. Das ist hier in Dortmund, der Kulturhauptstadt 2010 und ein Kunstprojekt von Jochen Gerz. In Karlsruhe ist Jochen Gerz bekannt geworden durch den Platz der Grundrechte, die roten Schilder, die vor dem Schloss und am Marktplatz stehen.

Worauf zielt Jochen Gerz in seinem Projekt 2-3 Straßen ab?
Jochen Gerz ist dieses Jahr 70 geworden und 2-3 Straßen ist sein Lebenswerk. Seine Entwicklung geht dahin, aufzuhören, Dinge einzurahmen und zu sagen „das ist Kunst“. Er möchte den Betrachter fordern und eine Art Dialog mit dem Bild oder Ausstellungsobjekt herstellen.

Und das macht er mit dem Projekt 2-3 Straßen? Worum geht es in dem Projekt genau?
80 Menschen aus der ganzen Welt sind dafür ins Ruhrgebiet gezogen. Nach Dortmund, Duisburg oder Mühlheim an der Ruhr. Sie wohnen für ein Jahr mietfrei in drei typischen Straßen. In so einer Straße in Dortmund wohne ich gerade. Wir sind hier, um unsere Ideen umsetzen, um aktiv zu sein. Ich bin Künstler aber das sind nicht alle, die hier wohnen. Die Grundvoraussetzung um hier wohnen zu dürfen war, dass wir motiviert sind, aktiv etwas umzusetzen. So schreiben wir alle zusammen an einem Buch.

Was macht ihr dann genau? Was schreibt man in so ein Buch?
Wir schreiben täglich. Man kann schreiben, was gerade in der Straße erlebt, Geschichten, was man von den Nachbarn hört oder was eben passiert, wenn man gerade aus dem Fenster guckt. Jeder schreibt für sich und jeder hat eine andere Wahrnehmung. Situationen werden damit immer vielfältiger und genauer, je mehr Leute darüber schreiben. Auch Besucher und die Leute, die hier schon vor dem Projekt gewohnt haben, sind eingeladen zu schreiben. So entsteht ein Kunstwerk in der Nachbarschaft.

Wie kann ich mir dann einen typischen Tag bei dir vorstellen?
Wir haben hier die verschiedensten Menschen und Berufe. Es wohnen z.B. Anwälte, Verleger und Künstler hier. Jedes Alter ist vertreten. Man trifft sich täglich auf der Straße, wird ständig beobachtet und beobachtet zurück. Man ist kaum noch anonym. Da das Projekt eine ‚Ausstellung’ genannt wird, kommen oft Besucher, mit denen ich Besucherführungen mache. Wir nennen das ‚Besucherschule’, da wir die Gäste zu Gastautoren machen, die am Buch mitschreiben.

Was nimmt ein Besucher bei Euch wahr?
Die Besucher fragen sich natürlich, was denn hier anders ist. Sie bekommen aber nichts anderes mit, als unseren Alltag. Dadurch, dass das Projekt ‚Ausstellung’ heißt, schaut man sich jede Ecke der Straße ganz genau an. Während ich die Besucher führe, werden sie von den Bewohnern beobachtet. Beginnt sich der Besucher selbst zu fragen, wieso er gerade hier ist. Nur weil es ‚Ausstellung’ heißt? Genau dieses Hinterfragen beabsichtigt Jochen Gerz. Damit wird der Dialog zwischen Betrachter und dem Bild bzw. Ausstellungsobjekt hergestellt. Durch die Frage „Was mache ich hier?“ findet eine Interaktion zwischen dem Kunstwerk 2-3 Straßen und Betrachter statt.

An welchen Kunstprojekten arbeitest du gerade sonst noch?
Ich mache Konzeptkunst und habe in Karlsruhe mehrere Projekte umgesetzt. Ich bereite mich gerade für Istanbul vor. Istanbul ist ebenfalls Kulturhauptstadt 2010 von Europa. Zusammen mit Ralf Pytlik bekommen wir vor der größten Kunstmesse in Istanbul ein Fertighaus gesponsert. Das wird von 5 Künstlern aus aller Welt als Atelier benutzt. Mein Projekt da ist da Door of Reception, also Tür der Wahrnehmung.

Du hast erwähnt, dass du in Karlruhe Projekte umgesetzt hast?
Ich bin hier um zu machen, mich auszuprobieren und das funktioniert. Auch das mit meinen Ausstellungen: beim Kultur Picnic im Schlachthof habe ich am Eingang der Ausstellung einen Topf mit Kaugummis aufgestellt. Hier konnten sich die Besucher unter dem Motto „Kau Dich zur Kunst“ bedienen. Am Ende der Ausstellung stand dann eine Schaufensterpuppe mit dem Schild „Kleb Deinen Kaugummi drauf“. Die Gäste mussten sich entscheiden, was sie machen, denn das Motto war ja „Kau Dich zur Kunst“. Von 250 Kaugummis sind etwa 180 drauf gelandet. Die Puppe hatte schließlich eine vollkommen veränderte Gestalt und jeder Besucher hat einen persönlichen Bezug dazu. Das Ganze habe ich dann hygienisch bearbeitet und lackiert. Sicher verpackt habe ich die Skulptur dann ins Europäische Parlament mitgenommen und mich mit Politikern und Puppe fotografieren lassen. Die Sicherheitsleute haben mich einfach durchgewinkt. Wahrscheinlich dachten sie, ich hätte eine Fotoausrüstung dabei, da ich bin mit 2 Fotografen aufgetaucht bin. Das sind die Sachen, die ich gerade mache und dann demnächst Istanbul.

Arbeitest Du aktuell noch an anderen Projekten?
Mit den Nachbarn hier in der Straße habe ich ein Projekt aufgezogen. Viele Menschen haben Talente und Dinge, die sie gerne tun. Aber man redet nicht darüber, weil man denkt, dass es nicht wichtig ist oder sich nicht viel zutraut. So zum Beispiel eine ältere Frau, die gut nähen kann aber in dieser Fähigkeit nicht unbedingt gebraucht wird. So kam ich mit mehreren Nachbarn auf die Idee, das T-Shirt-Modelabel MATISTACHE aufzubauen. Wir entwerfen, produzieren und vertreiben T-Shirts mit reduziertem Design. Auf weißen T-Shirts sind identische Schnurrbärte drauf. Entweder zur Betonung von vorhandenen oder zum Ersatz von nicht vorhandenen Bauchmuskeln. Eine Nachbarin näht, ein Weiterer, der in der IT arbeitet, macht den Onlineauftritt, ein Anderer, ein Verleger, agiert als Agentur. Das Design kommt von mir.

Das hört sich auch aus soziologischer Sicht richtig interessant an: wie sich innerhalb einer Straße wieder dörfliche Strukturen aufbauen. Wo jeder jeden kennt und im besten Fall auch zusammen arbeitet.
Genau, in Dörfern hat man ja auch immer den Schuster, den Koch usw., kennt und hilft sich mit seinen Fähigkeiten. Wir sind hier die ersten Steine der Lawine, die hier etwas aktiv umsetzen. Wenn die Idee, etwas aktiv zu machen, gut angenommen wird, dann verselbstständigt sich das Projekt 2-3 Straßen. Vielleicht arbeiten dann mehr Leute zusammen und setzen ihre Talente entsprechend ein. Dann werden wir überflüssig und können auch wieder abhauen.

Wie ist denn der aktuelle Stand bei deinem Modelabel MATISTACHE?
Das ist schon angelaufen. Es gibt Online einen Vorverkauf. In Berlin wird MATISTACHE schon in 2 Läden verkauft und in Karlsruhe bei Schriftgestalten in der Südstadt.

Eine Frage zum Abschluss: Was ziehst Du persönlich aus 2-3 Straßen?
Man hat im Alltag alle möglichen Ideen, was man umsetzen könnte und realisiert wenig. Alle, die hergezogen sind, haben hier den Auftrag einfach zu „machen“ und uns an unseren Ideen auszuprobieren. Dazu sind wir hier und es funktioniert. Ich bin hier für die Presse zuständig, mache Besucherführungen, die Ausstellungen, das Modelabel und model noch. Und das klappt alles. Die Werkzeuge, die Talente, die man braucht, sind alle da. Das muss man erstmal wahrnehmen, dann hat man so viele Möglichkeiten. Das ist das einzigartige an dem Projekt.

Hört sich super an. Ich Danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg bei deinen weiteren Projekten!

HIER geht’s zum Kavantgarde Steckbrief von Mathias Lempart!

Einleitung & Interview von Dorothea Reichert